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Studienbegleitendes Programm "Recht - Ethik - Wirtschaft"

Öffentliches Symposion: „Künstliche Intelligenz und Menschenwürde“

Am Montag, dem 5. November 2018, hat an der Juristischen Fakultät der Universität Tübingen das erste öffentliche Symposion des Zertifikatsstudiums „Recht-Ethik-Wirtschaft“ stattgefunden. Das Diskussionsthema des Abends ist von höchster Aktualität: Ob selbstfahrende Autos, zunehmende Automatisierung in der Industrie oder die Verbreitung von intelligenter Technik im Alltag – die sog. „Künstliche Intelligenz“ beeinflusst längst unser Leben und ist insbesondere auch für die Universität Tübingen von großer Bedeutung:

Denn erst Anfang Oktober hat Tübingen ein Kompetenzzentrum für künstliche Intelligenz und Maschinelles Lernen erhalten. Damit wurde es zu einem von vier Standorten bundesweit gekürt, an denen das Bundesforschungsministerium Wissenschaftsprojekte zur künstlichen Intelligenz bündelt.

Das Zertifikatsstudium, das interessierten Studentinnen und Studenten sowohl Fachwissen als auch Diskurskompetenz zu den Schnittstellen von Recht, Ethik und Wirtschaft vermitteln will, hat diese Entwicklung zum Anlass genommen, sich vertieft mit künstlicher Intelligenz und ihrem Verhältnis zur Menschenwürde zu befassen. Als Referenten konnten Herr Prof. Dr. Martin Butz von der Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät der Universität Tübingen sowie Herr Prof. Dr. Martin Nettesheim von der Juristische Fakultät der Universität Tübingen gewonnen werden. Das Symposium stand nicht nur den Teilnehmerinnen und Teilnehmern von „Recht-Ethik-Wissenschaft“ offen, sondern richtete sich entsprechend er gesellschaftlichen Relevanz des Themas an die interessierte Öffentlichkeit.

Zunächst wandte sich Herr Prof. Dr. Hermann Reichold, der zusammen mit Herrn Professor Dr. Stefan Thomas das Zertifikatsstudium „Recht-Ethik-Wirtschaft“ leitet, mit einem Grußwort an die zahlreich erschienenen Teilnehmer und verdeutlichte die zunehmende Bedeutung von künstlicher Intelligenz im Alltag und in der Ausbildung. Er dankte auch Herrn Rechtsanwalt Prof. Dr. Walter Sigle und der Walter Sigle Stiftung dafür, dass die Stiftung das Zertifikatsstudium „Recht-Ethik-Wirtschaft“ seit diesem Jahr finanziell fördert und damit Veranstaltungen wie dieses öffentliche Symposium ermöglicht.

Den Einstieg in das Symposion lieferte sodann Prof. Butz mit einem Vortrag zur künstlichen Intelligenz aus mathematisch-naturwissenschaftlicher Sicht. Er zeigte dabei auf, dass das theoretische Konzept des maschinellen Lernens keinesfalls neu sei. Das Thema gewinne aber deshalb immer mehr an Bedeutung, weil durch die zunehmende Digitalisierung die technischen Voraussetzungen zur Umsetzung von künstlicher Intelligenz geschaffen würden. Insbesondere die Erhöhung der Bandbreitenkapazität und eine stets anwachsende Datenmenge würden dabei eine wichtige Rolle spielen.

Entscheidend sei jedoch die Erkenntnis, dass künstliche Intelligenz nicht mit menschlicher Intelligenz vergleichbar sei. Während selbstlernende Systeme in der Auswertung von Daten dem Menschen zwar weit überlegen seien, fehle es ihnen jedoch nach wie vor an der Möglichkeit, Entscheidungen an der Zukunft orientiert zu treffen und Rechenergebnisse entsprechend auszurichten. Vielmehr sei eine selbstlernende Maschine immer nur so intelligent, wie es die eingegebenen Daten und Informationen an Erkenntnis zuließen.

Dies berge, so Butz, auch die Gefahr, dass selbstlernende Systeme aufgrund verzerrter und unvollständiger Datensätze generalisieren und diskriminieren. Seiner Meinung nach sei der Weg zur echten Intelligenz von technischen Systemen zwar noch weit, es gelte aber, die Einflüsse von künstlicher Intelligenz im Detail zu beobachten.

Im Anschluss an den Vortrag von Prof. Butz widmete sich Prof. Nettesheim dem Verhältnis von künstlicher Intelligenz zur Menschenwürde. Er hob dabei hervor, dass der Begriff der Menschenwürde seiner Natur nach schwer zu fassen sei. Dabei gehe es weniger um die Frage nach einer genauen Bestimmung von Würde. Als absoluter, unantastbarer Kernbereich des menschlichen Lebens intendiere die in Art. 1 des Grundgesetzes verankerte Menschenwürde vielmehr, das „Leben des Einzelnen in Würde“ zu schützen. In Bezug auf künstliche Intelligenz komme es daher darauf an, den Begriff der Menschenwürde mit Blick auf die von künstlicher Intelligenz ausgehende Gefahr für einen selbstbestimmten, politisch autonomen Bürger zu bestimmen. Nettesheim warnte vor der Rationalität maschineller Entscheidungen und Handlungen, die zunehmend zu einer Verhaltensanpassung des Einzelnen führen könne.

Der Einzelne riskiere durch die vermehrte Nutzung von künstlicher Intelligenz, seine Irrationalität zu verlieren, das rationale Denkmuster von Maschinen zu übernehmen und zu einem „Netzwerkelement“ zu werden, das ohne Reflexion auf das System reagiert.

Nettesheim machte jedoch auch deutlich, dass angesichts der „tiefen Unsicherheit“ im Hinblick auf die Zukunft künstlicher Intelligenz eine vorschnelle Regulierung und Dämpfung der Entwicklung keine Option sei. Vielmehr müsse man die technischen Entwicklungen kritisch begleiten.

Es entstand im Anschluss an die Vorträge eine angeregte und lang andauernde Diskussion mit den Zuhörerinnen und Zuhörern. Der Abend schloss mit einem Empfang in der Wandelhalle, bei dem die Gespräche fortgeführt wurden und persönliche Kontakte geknüpft werden konnten.

Text: Henrik Nolte