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Prof. Dr. Marotzke

Das Thema im Überblick

Es gehört zu den Grunderfahrungen des Rechts- und Wirtschaftslebens und wohl auch der praktischen Politik, dass eine Herrschafts- und Gestaltungsmacht, deren Ausübung für ihren Inhaber nahezu risikolos ist, aber für andere Personen erhebliches Schädigungspotenzial birgt, aufgrund der durch sie gesetzten Verhaltensanreize hochproblematisch, ja sogar gemeingefährlich sein kann. Als vorzugswürdig wird deshalb, außer vielleicht von den Akteuren selbst, ein Gleichlauf von Herrschaft und Risikotragung bzw. von Herrschaft und Haftung angesehen. Wer über erhebliche Herrschafts- oder Einflussmöglichkeiten verfügt, sollte, so der Gedanke, für schädliche Folgen seines Handelns auch persönlich einstehen müssen, sei es, indem er geschädigten Dritten zum Ersatz verpflichtet ist oder sei es, indem er, beispielsweise bei der Entscheidung über das Schicksal eines Unternehmens oder bei überwiegend mit Fremdkapital finanzierten Investitionen in risikobehaftete Finanzprodukte, auch selbst einen angemessenen Teil des Risikos zu tragen hat. Risikobeteiligung und Haftung erscheinen in diesem Zusammenhang als notwendige oder zumindest wünschenswerte „Machtkorrektive“. In der Realität lassen sich jedoch erhebliche Asymmetrien zwischen Herrschaft und persönlicher Risikotragung beobachten. Man findet dergleichen nicht nur bei den für die vorläufig letzte große Finanzmarktkrise verantwortlichen Akteuren der Finanzwelt, sondern auch im Gesellschaftsrecht, im Zusammenhang mit um- und nachweltrelevanten Entscheidungen in Politik und Realwirtschaft sowie im Zusammenhang mit Fragen der Generationengerechtigkeit. Wie bereits die im Sommer 2016 gehaltene Abschiedsvorlesung (www.jura.uni-tuebingen.de/fakultaet/termine/160708_abschiedsvorlesung-marotzke) möchte auch das aus dieser hervorgegangene Buch „Risikobeteiligung und Verantwortung als notwendige Machtkorrektive“ einige Symmetrien, aber auch gravierende Asymmetrien zwischen Herrschaft und Risikobeteiligung näher untersuchen und vor dem Hintergrund einer Folgenabschätzung bewerten. Dies geschieht nicht abstrakt im luftleeren Raum, sondern anhand von Beispielen aus der Lebenswirklichkeit. Die Reihe der Beispiele beginnt mit einigen bekannten gesellschaftsrechtlichen Fragestellungen (Kap. 2), befasst sich sodann mit risikobehafteten Geschäftsmodellen von Banken und Geldmarktfonds (Kap. 3) und im Anschluss mit den erheblichen Umweltrisiken, die man heute sehenden Auges nicht nur den aktuellen Bewohnern ferner Kontinente (Kap. 4 Abschn. 4.1), sondern auch künftigen Generationen der eigenen Nachkommenschaft aufbürdet (Kap. 4 Abschn. 4.2; dazu "Download Probeseiten" bei http://www.springer.com/de/book/9783658166977). Spätestens im Zusammenhang mit dem letztgenannten Thema, bei dem die Suche nach einer Risikobeteiligung oder sonstigen Selbstbetroffenheit der hier und heute handelnden Personen naturgemäß auf Schwierigkeiten stößt, musste auch die verhaltenssteuernde Kraft zukunftsethischer Gebote sowie religiös geprägter Wertvorstellungen und Erwartungshaltungen in den Blick genommen werden. Deren verhaltenssteuernde Kraft ist jedoch begrenzt.