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„Es ist nicht das Wichtigste, Recht zu bekommen!“

Beim Festakt zur Ehrung der Promotionsjubilare und Absolventen des Ersten Staatsexamens gab es einen Blick in die britische Literaturgeschichte.

 

Traditionsgemäß begann die Examensfeier zum Ende des Wintersemesters 2017/2018 mit einem musikalischen Auftakt durch die Tübinger Musikschule. Das Trio mit Chiara Holtmann, Cecilia Kaiser und Desiree Krems an der Klarinette, der Oboe und dem Fagott eröffnete den Festakt am 7. Februar 2018 mit Cinque Pièces, einem Trio von Jacques Ibert.

Als erster Redner begrüßte der Dekan der Fakultät, Prof. Stefan Thomas, die in großer Zahl erschienenen Besucher, die in diesem Semester sogar die oberen Ränge der Empore des Festsaals in der Neuen Aula belegten. Thomas beglückwünschte alle Absolventinnen und Absolventen der vergangenen Examenskampagne, die von diesem Augenblick an keine Studierenden, sondern nunmehr Rechtsreferendarinnen und -referendare seien. Unabhängig von der erreichten Punktzahl, so Thomas, könne jede Einzelne und jeder Einzelne stolz auf die erbrachte Leistung sein. Er freue sich, alle Referendarinnen und Referendare als Fachkollegen begrüßen zu dürfen, nachdem diese durch das Meistern eines der wohl schwersten Studienfächern nun Teil der Fachkultur geworden sind. Die Zukunft halte viele Emotionen und neue Fragestellungen bereit für die frisch Examinierten: Vornehmlich Erleichterung und Freude über den erfolgreichen Abschluss, aber auch Zweifel, wie es nun weitergeht. Wie in der „Reise mit Charley“ von John Steinbeck ist die Reise - bzw. das Studium - irgendwann einmal vorüber, aber die dabei gewonnenen Eindrücke und Erfahrungen begleiten einen ein Leben lang, erläuterte Thomas. Er appellierte an die Studierenden, sich nicht an die Einzelheiten des Erlernten zu klammern, sondern statt dessen nie aufzuhören, Fragen zu stellen - so wie jeder an der Fakultät notwendigerweise.

„Nie aufzuhören, Fragen zu stellen, ist die einzige Währung, die an der Universität zählt“ - Thomas

Es gebe keine Wissenschaft, die sich über Freiheit und Gerechtigkeit erheben könnte. Viel wichtiger als alles, so der Dekan, was der wissenschaftliche Fortschritt uns bringen könnte, sei unser geerbtes und langsam gewachsenes Verständnis von Moral und Sitte, wie Winston Churchill 1949 bereits festgestellt hätte. Hieraus müssten die Examinierten nun das Beste machen - aber zunächst ihren Erfolg gebührend feiern!

Die Präsidentin des Landesjustizprüfungsamtes, Sintje Leßner, erinnerte sich mit allen Anwesenden zurück an die Situation der nun Examinierten im vergangenen September und schilderte Details zu den verschiedenen Examensklausur-Fällen, mit denen die Prüflinge sich konfrontiert sahen. Sie betonte außerdem, dass die vergangene Examenskampagne in Baden-Württemberg besonders groß war, an der insgesamt 1130 Kandidatinnen und Kandidaten teilnahmen, die in den Klausuren insgesamt eine ganze Tonne Papier beschrieben. Alles in allem handelte es sich damit um die größte Examenskampagne der letzten zehn Jahre. Dies stellte nicht nur die 252 Prüfer vor eine besondere Herausforderung, sondern wird auch in den kommenden Semestern zu einem größeren Ansturm auf die Referendariatsplätze nicht nur in Tübingen und Stuttgart, sondern auch in Hechingen und Rottweil führen. Leßner wünschte allen Referendarinnen und Referendaren alles Gute für den neuen Lebensabschnitt voller Chancen und wertvollen Erfahrungen und versprach, dass das Prüfungsamt jeden hierbei nach besten Kräften unterstützen und begleiten werde.

Der Inhaber des Lehrstuhls für Englische Philologie in Tübingen, Prof. Matthias Bauer, bezeichnete es als große Freude und Ehre, als Festredner der Examensfeier auserkoren worden zu sein. Wie schon seine Vorredner beglückwünschte auch er die Examinierten. Nachdem diese nun jahrelang Höhen und Tiefen des Studiums durchlebt hätten, stünde nun der nächste Schritt an, den manch einer schon lange zielstrebig geplant und manch anderer bisher erfolgreich verdrängt habe: das „richtige Leben“.

In seiner Rede beleuchtete Bauer die Rezeption des juristischen Berufs in der englischen Literatur. Der Jurist werde dort oftmals höchst kritisch beäugt und nur selten stoße man auf so wohlwollende Äußerungen wie die der „Beggar‘s Opera“ von John Gay entnommenen: „A lawyer is an honest employment - Anwalt ist eine ehrliche Tätigkeit“. Und selbst dieser Satz ist nur die halbe Wahrheit und längst nicht so positiv zu verstehen wie zunächst anzunehmen, was sich aus dem weiteren Verlauf des Werkes ergebe, den Bauer ausführlich erläuterte. Auch „Gulliver‘s Travels“ von Jonathan Swift enthielten wenig tröstende Worte im Hinblick auf den juristischen Berufsstand; so wird die Juristengesellschaft zuweilen mit dem Beruf des Sklavenhalters gleichgestellt: „To this society, all the rest of the people are slaves“.

Trotz aller literarischen Kritik schloss Bauer seine Rede aber mit Worten der Versöhnung: Es lasse sich zwar nicht verhindern, dass der „böse“ Anwalt seinen Profit bekomme. Aber der „gute“ Anwalt könne dafür sorgen, dass beide Parteien nicht nur ihr Gesicht wahrten, sondern zudem noch etwas lernten: dass es nicht unbedingt das Wichtigste ist, Recht zu bekommen und zu behalten. Sollte die Juristerei nicht von Natur aus eine „honest profession“ sein, so hätten die Juristen von morgen doch die Möglichkeit, aus ihr eine solche werden zu lassen.

Auch der Studierendensprecher Jonathan Kamzelak gratulierte ganz herzlich zum bestandenen Examen und betonte, dass zumindest am heutigen Tage ein weit verbreitetes Klischee über Studierende der Rechtswissenschaften zutreffe: Jurastudenten tragen in der Uni Anzug. In seiner Rede erinnerte Kamzelak an den Beginn der Studienzeit im ersten Semester, das sich aus Sicht des späteren Studiums oftmals vor allem durch ein Merkmal charakterisieren lasse: Ahnungslosigkeit. Doch diese verflüchtige sich - schneller, als einem manchmal lieb ist - bald und zum Ende des Studiums erfüllten die allermeisten Studierenden doch mehr als nur ein typisches Jurastudenten-Klischee, sei es, dass man juristische Laien akribisch an die Unterscheidung zwischen Besitz und Eigentum erinnere oder jede zweite Frage mit „Das kommt darauf an“ beantworte.

Als Studiensprecher und Fachschaftsmitglied bedankte sich Kamzelak zudem bei allen Absolventinnen und Absolventen, die sich selbst während ihres Studiums in einer der beiden Fachschaften engagiert und hierdurch andere Studierenden auf deren Weg zum Examen begleitet und unterstützt hätten.

Er wünschte den Examinierten alles Gute für deren Zukunft und mit dem Umgang der wiedergewonnenen Freiheit nach dem Ende der Examensvorbereitung und hoffe, dass alle die Zeit in Tübingen in guter Erinnerung behalten werden.

Es folgte die Urkundenübergabe, wobei die Fakultät zunächst ihre 25- und 50-jährigen Promotionsjubilare ehrte, die ebenfalls in größerer Zahl an ihre einstige Alma Mater zurückgekehrt waren, um dann im Anschluss die Zeugnisse an die in diesem Semester besonders große Zahl der erfolgreichen Absolventinnen und Absolventen des ersten Staatsexamens zu übergeben.

Nach dem offiziellen Festakt bot sich für alle Besucher die Möglichkeit, gemeinsam bei einem durch das Dekanat und die Fachschaften organisierten Sektempfang sowie am Abend beim Examensball der Unabhängigen Liste Fachschaft (ULF) diesen besonderen Anlass gebührend zu feiern.

Fotos: Hoffmann Fotografie // Text: Pierre Bounin