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„In jeder Krise schlummern auch Chancen“

In der Examensfeier am 5. Februar referierte Botschafter Dr. Peter Wittig zur Stellung Europas in der neuen Welt-(Un)Ordnung.


Nach einem musikalischen Auftakt durch ein Klarinettentrio begrüßte Dekan
Prof. Jochen von Bernstorff am Ende des Wintersemesters 2019/20 alle Gäste und Zuhörer im bis auf den letzten Platz besetzten Festsaal. Er gratulierte allen frisch Examinierten zum bestandenen Ersten Staatsexamen. Die Professorenschaft der Juristischen Fakultät Tübingen habe sie mit Freude ausgebildet und auf eine der schwersten universitären Prüfungen in Deutschland vorbereitet. Gut ausgebildete Juristinnen und Juristen seien heute mehr denn je gefragt, so von Bernstorff: Viele aktuelle Herausforderungen wie beispielsweise die Flucht vor Kriegen, der Umgang mit Klimaveränderungen und die grundlegende Transformation der Arbeitswelt durch künstliche Intelligenz erzeugten ein hohes Bedürfnis für rechtliche Gestaltungskompetenzen. Der Dekan forderte die Examinierten dazu auf, sich in die Gesellschaft einzubringen – die intellektuellen Grundlagen hierfür seien im Universitätsstudium allemal gelegt worden.

Er wies zudem auf die wachsende Zahl an Alleinstellungsmerkmalen eines Jurastudiums in Tübingen hin. Hierzu zählten insbesondere das deutschlandweit einmalige Zertifikatsstudium „Recht-Ethik-Wirtschaft“ (REW) sowie ab dem kommenden Sommersemester 2020 auch das Zusatzstudium „Recht & Rhetorik“. Von Bernstorff bat abschließend darum, die Examinierten mögen ihre Alma Mater in guter Erinnerung behalten und dieser beispielsweise mittels einer Mitgliedschaft in der Juristischen Gesellschaft Tübingen e.V. verbunden bleiben.

Auch Sintje Leßner, die Präsidentin des Landesjustizprüfungsamtes, beglückwünschte die Absolventinnen und Absolventen zum erfolgreichen Abschluss des Studiums. Jeder Jurist könne sich sein Leben lang gut daran erinnern, welche Strapazen mit der Examensvorbereitung verbunden seien. Zu danken sei auch den Verwandten und Freunden für deren unermüdliche psychische und oft auch finanzielle Unterstützung, sowie der Professorenschaft für die Ausbildung und Mitarbeit im Rahmen der Prüfungskampagne.

Anschließend gab Leßner einen Ausblick darauf, was die Examinierten im für viele dem Universitätsstudium nachfolgenden Referendariat erwartet, wobei sie insbesondere die zahlreichen anstehenden Änderungen durch den Einzug der Digitalisierung im deutschen Verwaltungs- und Gerichtswesen hervorhob. Eine Absage erteilte sie der verbreiteten Befürchtung, die Digitalisierung könnte Juristinnen und Juristen zukünftig entbehrlich machen:

„Gut ausgebildete Juristen sind mehr als Subsumtionsautomaten“ – Leßner

Der Festredner und Botschafter der Bundesrepublik in London, Dr. Peter Wittig, bekundete sodann, es sei ihm eine Freude und Ehre, nur fünf Tage nach dem Ausscheiden Großbritanniens aus der EU durch den „Brexit“ über seine Erfahrungen als Diplomat im Rahmen des Festakts der Fakultät sprechen zu dürfen. Zunächst konzentrierte er sich auf die multilaterale Ordnung Europas und der Welt, wobei er betonte, dass gerade Deutschland stärker als andere europäische Staaten auf Multilateralismus angewiesen sei. Gleichwohl müsse eingeräumt werden, dass die Organisation der europäischen Staaten einige Mängel aufweise:

„Schnelligkeit ist kein Trumpf der europäischen Diplomatie“ – Wittig

Wittig reflektierte zahlreiche prägende Stationen aus seinem Arbeitsleben als Diplomat. Dazu zählte nicht zuletzt die Entscheidung zur militärischen Intervention im Rahmen des Arabischen Frühlings. Bei der Abstimmung hätten sich die Deutschen durch ihre Enthaltung nicht besonders beliebt gemacht. Die Verstimmung der anderen Mitglieder war jedoch alsbald abgeklungen, als man die aus dem Militärschlag resultierende Destabilisierung Libyens erkannte.

Einschneidend für die diplomatische Welt sei außerdem die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der Vereinigten Staaten am 8. 11. 2016 gewesen, die Wittig als „politisches Erdbeben“ bezeichnete und infolge derer sich die Beziehungen zwischen Deutschland und den USA stark gewandelt hätten. Bezeichnend sei insbesondere der schrittweise Rückzug der USA als militärischer Rückhalt für viele anderen Länder, die Abkehr von einer offenen, freien, regelbasierten Handelsordnung und die Fixierung der USA auf China als dem angeblich einzigen bedeutsamen Rivalen. Die transatlantische Partnerschaft zwischen den USA und Deutschland müsse nun neu justiert werden. Gleichwohl betonte der Botschafter, man dürfe ihn nicht missverstehen: keineswegs plädiere er für eine Abkehr von den USA, ohne die es zum Beispiel keine NATO gäbe. Bei überlappenden Interessen müsse weiterhin sehr eng zusammengearbeitet werden. Hingegen solle bei Gefährdung europäischer Kerninteressen die europäische Haltung verteidigt werden.

„Die USA sind als Land größer als ein Präsident“ – Wittig

Schließlich wandte sich Wittig dem nur fünf Tage zuvor vollzogenen „Brexit“ als einer historischen Weggabelung zu. Als ausschlaggebende Faktoren für das Zustandekommen des Brexit-Votums 2016 nannte er den Protest gegen das Londoner Establishment, das schlechte Image der EU in der Flüchtlingskrise und die Großbritannien schwerer als viele andere EU-Mitgliedstaaten treffenden sozialen und ökonomischen Folgen der Finanzkrise ab 2007. Kernpunkte der dreieinhalb Jahre andauernden Brexit-Debatte waren das Karfreitagsabkommen über Nordirland, das nicht gefährdet werden durfte, sowie der Schutz des EU-Binnenmarktes. Die Selbstblockade in der Debatte löste sich schließlich im Dezember 2019 durch den Erdrutsch-Wahlsieg Boris Johnsons.

„Wieviel Divergenz von der EU strebt Großbritannien an?“ – Wittig

In Handelsfragen stünden die Beziehungen der EU zu Großbritannien nun vor einem Dilemma: Je weiter sich das Vereinigte Königreich von den bisher gleichen Rahmenbedingungen löste, desto weniger Zugang würde die EU ihm zum Handel mit ihr gewähren. Außerdem scheide Großbritannien mit dem Austritt aus der EU gleichzeitig auch aus 60 Handelsabkommen der EU mit Drittländern aus. Für Deutschland sei der Brexit aus Handelsperspektive bedauerlich, da Großbritannien bislang einer der fünf wichtigsten Handelspartner für Deutschland war.

Das Jahr 2016 war sowohl mit dem Brexit als auch mit der Wahl Trumps ein Weckruf für die EU, so Wittig.

„Schlafwandeln in der Krise kann sich Europa nicht mehr leisten“ – Wittig

Die Studierendensprecherin Jasmin Haack erinnerte sich gemeinsam mit den Examinierten zurück an deren Studiumsbeginn im ersten Semester. War man damals im Vergleich zu heute auch noch so unwissend, so verflog diese Ahnungslosigkeit doch sehr bald und man ertappte sich zunehmend dabei, Alltagssituationen mit der Brille eines Juristen in einem ganz neuen Licht zu sehen.

Die Studierendensprecherin kritisierte das weit verbreitete Bild von Jurastudentinnen und -studenten als vollkommene Einzelkämpfer. Dies verkenne den Alltag im Seminar, wo sich Studierende über die Probleme einer Falllösung austauschten, sich gegenseitig unterstützten und motivierten und nach den Prüfungen gemeinsam feierten oder Trost spendeten. Ohne wahre Freunde, aber auch ohne die eigene Familie sei das Jurastudium nicht zu bewältigen. Haack gratulierte allen Absolventinnen und Absolventen und wünschte ihnen alles Gute für eine erfolgreiche Zukunft.

Es folgte die Übergabe der Urkunden zur Silbernen und Goldenen Promotion an erstaunlich viele anwesende 25- bzw. 50-jährige Jubilarinnen und Jubilare durch den Dekan. Anschließend war auch für die frisch Examinierten der Moment gekommen, für den sie hart gearbeitet und auf den sie jahrelang hingefiebert hatten: Endlich durften sie die Urkunde über das bestandene Erste juristische Staatsexamen in den Händen halten!

Bei einem anschließenden Stehempfang in der Wandelhalle sowie dem von der Unabhängigen Liste Fachschaft organisierten Examensball im „Japengo“ bot sich für alle Examinierten, Freunde und Verwandten die Gelegenheit, diesen besonderen Anlass gebührend zu feiern.

 

Fotos: Hoffmann Fotografie // Text: Pierre Bounin