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„Interdisziplinarität bedeutet eine ständige Prüfung“

Fakultät würdigte das Lebenswerk des Anfang 2018 verstorbenen Prof. Knut Wolfgang Nörr

 

Vor einer großen Zahl geladener Gäste eröffnete Dekan Prof. Jochen von Bernstorff am Nachmittag des 12. April die Gedenkfeier im Großen Senat, nachdem mit der Sonate in G-Dur von Jean-Baptiste Barrière ein musikalischer Auftakt durch Christine Seegers und Gregor Pfisterer erfolgt war.

Von Bernstorff schilderte in kurzen Worten das facettenreiche Leben des international verehrten Wissenschaftlers und geschätzten Kollegen, der von 1971 bis zu seiner Emeritierung an der Juristischen Fakultät in Tübingen gelehrt hatte.

„Erfolgreicher kann eine rechtswissenschaftliche Karriere nicht ablaufen!“ - von Bernstorff

Ein besonderes Augenmerk legte der Dekan auf die von Nörr geleistete rechtsgeschichtliche Grundlagenarbeit, die auch über die Expertenzirkel des Fachgebiets hinaus erhebliche Auswirkung gehabt habe. Er attestierte ihm zudem ein gutes Auge für übergreifende Zusammenhänge und wies darauf hin, dass ein Großteil aller internationalen Beziehungen der Tübinger Fakultät mit Ostasien Nörr zu verdanken seien.

Im Anschluss referierte Prof. Wolfgang Ernst (Uni Zürich) über Nörrs Einfluss auf das gelehrte Prozessrecht. Er habe noch lebhafte persönliche Erinnerungen an die an seinem Tübinger Lehrstuhl Tür an Tür mit Nörr bis 2000 verbrachte Zeit. Zunächst erläuterte Ernst, weshalb historisch tätige Juristen sich – anders als Nörr – eher nur am Rande mit dem Prozessrecht beschäftigten: Dies resultiere aus dem Konflikt, ob man dem Prozessrecht lediglich eine „dienende“ Funktion zumesse oder es im Gegenteil gerade als Quelle des materiellen Rechts betrachte. In seinem Vortrag hob Ernst die maßgebliche Prägung des europäischen Prozessrechts durch das im Hochmittelalter in der römisch-katholischen Kirche geltende Recht hin. Nicht umsonst erfreue sich Nörrs „Romanisch-kanonisches Prozessrecht“ als aufschlussreiches Werk zur Orientierung mehr denn je der Nachfrage.

Danach gab er den anwesenden Zuhörern einen Überblick über die zahlreichen bedeutenden Werke des an seinem 83. Geburtstag am 15.1.2018 verstorbenen Gelehrten. Es sei überspitzt, Nörr geradezu als Vater des neuen Gebiets der vergleichenden Prozessrechtsgeschichte zu bezeichnen; gleichwohl sei nicht von der Hand zu weisen, dass er sich von Anfang an als ein maßgeblicher Förderer dieses Forschungszweigs hervorgetan hatte.

„Nörr blieb sich treu, so sehr er den Dialog mit anderen auch schätzte“ - Ernst

Genau wie von Bernstorff attestierte auch der Zürcher Kollege Nörr, diesem sei es bei seiner Arbeit stets um das Gesamtbild statt nur um isolierte Problemstellungen gegangen. Dieses Streben im wissenschaftlichen Werk Nörrs entspreche auch seinem hohen Sinn für Ästhetik und Musikalität: getreu dem „Reihenfolgenprinzip“ spiele man ein Musikstück nicht wild durcheinander, sondern auf einander abgestimmt. Jeder „Prozessbeteiligte“ hat seinen „Einsatz“. Zudem wolle der Zuhörer eines Musikstücks dieses auch im Ganzen hören und nicht nur in einzelnen Ausschnitte.

„Jede Einzelaussage, die in [die] künstliche Synthese [großer Lehrbücher für Rechtsordnungen der Vergangenheit] eingeht, [ist] für sich genommen historisch zu evaluieren. Wo es keine solche Aussagen gibt, darf das retrospektive Lehrbuch nicht im Streben nach Vollständigkeit die Lücke füllen [...].“ - Ernst

Der bis 2017 in Tübingen lehrende Prof. Jan Thiessen schlüpfte sodann in die Rolle eines jüngeren Kollegen Nörrs, der Material für eine Fortsetzung dessen fiktiven dritten Bands „Republik der Wirtschaft 3.0“ zusammenstelle. Zunächst rekapitulierte er die historischen Ereignisse seit Veröffentlichung des vorherigen Bands der Reihe.

„Soziale Marktwirtschaft war für Nörr ein Begriff mit einem ‚großen Magen‘. Damals war es noch nicht verbreitet, pathologisches Übergewicht mit einer Magenverkleinerung zu behandeln. Dazu kam es aber in der Berliner Republik. Der Sozialstaat verlor seinen Wohlstandsbauch.“ - Thiessen

Dabei legte er einen besonderen Fokus auch auf die Wirtschafts- und Finanzkrisen, die in jüngster Vergangenheit maßgeblich durch die EU-Politik geprägt wurden.

„Der AEUV ähnelt einer spätantiken Kompilation, deren Exegeten mit widersprüchlichen Stellen kämpfen.“ - Thiessen

Als den wichtigsten Eingriff in die Finanzverfassung des Grundgesetzes seit der Wiedervereinigung bezeichnete Thiessen neben der Schuldenbremse die Föderalismusreform. Er wies auf die schwierige Aufgabe des Privatrechts hin, die jetzt digital ablaufenden Vorgänge in ein Schema einordnen zu müssen, das seit Jahrhunderten nur analoge Vorgänge regelt. Außerdem sei die heutige „Republik der Wirtschaft“ eine Republik des Euros, welcher aber - anders als die D-Mark aus Nörrs „Republik der Wirtschaft“ - keinen Konsens stifte, sondern lediglich pars pro toto für eine lange Reihe verstolperter Großprojekte stehe, von denen jedes unter wechselseitiger Überschätzung von Regierenden und Regierten leide.

„Der Begriff Demokratie suggeriert zwar, dass es keinen Gegensatz zwischen Regierenden und Regierten geben dürfe. Dass tatsächlich aber Demokratie unendlich viele Gegensätze ausgleichen und vor allem aushalten muss, wird heute nur allzu leicht verkannt.“ - Thiessen

Hieraus folge eine doppelte Enttäuschung über die Demokratie, mit der die gefährliche politische Stimmung dieser Tage einhergehe. Abschließend erinnerte Thiessen jedoch daran, man dürfe im Lichte aktueller Probleme nicht vergessen, dass auch die – in den beiden Bänden von Nörr behandelte – Zeit zwischen 1969 und 1990 keineswegs konfliktfrei gewesen sei. Entscheidend sei jedoch, dass man allen damaligen Problemen mit konstruktiven Lösungsansätzen begegnete.

Der dritte Redner, Prof. Bertram Schefold, war in Person leider verhindert; dankenswerterweise hatte sich Prof. Wolfgang Graf Vitzthum jedoch bereit erklärt, Schefolds Manuskript „Knut Wolfgang Nörr und die Geschichte des Wirtschaftsrechts in ökonomischer Perspektive“ vorzutragen. In diesem wurde zunächst die erste Begegnung Schefolds mit Nörr anlässlich einer geisteswissenschaftlichen Tagung geschildert, aus der langfristig die drei Bände „Geisteswissenschaften zwischen Kaiserreich und Republik“, „Erkenntnisgewinne – Erkenntnisverluste. Kontinuitäten und Diskontinuitäten in den Wirtschafts-, Rechts- und Sozialwissenschaften zwischen den 20er und 50er Jahren“ sowie „Gestaltungsanspruch der Wissenschaft“ hervorgingen.

„Im Rückblick wundere ich mich ein wenig über den Enthusiasmus, mit dem mich Nörr […] zu seinem Mitwirkenden machte“ - Schefold

Er beschrieb Nörr als strengen, sich dem Ordoliberalismus verpflichtet sehenden Wissenschaftler, der stets auf Gewissenhaftigkeit und Genauigkeit bedacht war. Nörr sei einerseits liberal genug gewesen, die Arbeit anderer zu respektieren, scheute andererseits aber nie davor zurück, Kritik zu üben. Jede wissenschaftliche Zusammenarbeit glich folglich angesichts der Interdisziplinarität einer ständigen Prüfung.

Anschließend erläuterte er ausführlich die wissenschaftlichen Beiträge Nörrs in den drei genannten Bänden und analysierte die Kreditkrisen der letzten 150 Jahre.

„Es ist […] noch zu früh zu sagen, was die Folgen der Krise von 2007 schließlich sein werden; offensichtlich ist man […] diesmal bemüht, die Banken besser zu regulieren.“ - Schefold

Zusammenfassen könne man diese Bemühungen als das Streben nach einer ordnungspolitischen Integration des Keynesianismus. Er schloss mit dem Résumé, die wirtschaftspolitischen Optionen zur Handhabung aktueller Krisen seien offenbar zahlreicher und die theoretischen Begründungen komplexer, als man in der hohen Zeit der ordnungspolitischen Diskussion in den 60er/70er Jahren wahrgenommen hätte. Juristen und Ökonomen sollten versuchen, die Gräben zuzuschütten und gemeinsam an einem den neuen Verhältnissen gemäßen Wirtschaftsrecht zu arbeiten – woran sich Nörr nach Schefolds Überzeugung mit Wissen, Klugheit und Urteilskraft beteiligt hätte.

Der offizielle Teil der Gedenkfeier wurde musikalisch durch ein Stück aus Mendelssohns „Sommernachtstraum“ und eine irische Volksweise abgerundet, gespielt durch Hanna Daub und Gregor Pfisterer. Anschließend bot sich für alle Gäste bei einem Empfang im Kleinen Senat die Möglichkeit zum ausgiebigen Diskurs über Nörr als Person und die Erinnerungen an ihn.