Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Sektionen

Benutzerspezifische Werkzeuge

Sie sind hier: Startseite / Fakultät / Nachrichten der Fakultät / „Eine Hand wäscht die andere“
Fakultät
« Mai 2019 »
Mai
MoDiMiDoFrSaSo
12345
6789101112
13141516171819
20212223242526
2728293031

„Eine Hand wäscht die andere“

Aus Anlass der Examensfeier beleuchtete Prof. Bernd Heinrich die Vetternwirtschaft im Zwielicht von Moral & Recht

Im voll besetzten Festsaal der Neuen Aula wurde die Examensfeier am Ende des Wintersemester 2018/19 am 6. Februar durch Igor von Gagern an der Klarinette und Julian Zenker an der Gitarre eröffnet. Sie spielten die Klezmer-Stücke „Yankele“ und „Mamme Loshn“.

Anschließend begrüßte der Dekan der Fakultät, Prof. Jochen von Bernstorff, alle Anwesenden und gratulierte den Examinierten ganz herzlich. Er freue sich über deren Erfolg und es sei eine große Freude gewesen, die nun Examinierten über Jahre hinweg an der Universität Tübingen auszubilden und auf diese anfordernde Prüfung vorzubereiten.

Jeder, der das Staatsexamen nicht bestehe, sei aus Sicht der Professorenschaft einer zu viel, so von Bernstorff. Deshalb bemühe sich die Juristische Fakultät seit Jahren intensiv um die Verbesserung des universitären Examinatoriums, um eine bestmögliche Vorbereitung zu gewährleisten. Stolz sei man auch auf das breit gefächerte Angebot an Schwerpunktbereichen, das den Studierenden die Vertiefung persönlicher Interessen im Rahmen des universitären Prüfungsteils erlaube, der neben der Staatsprüfung zu 30% in die Endnote einfließt. Hier könne sich die „Universitas“, die Gemeinschaft aus Lehrern und Schülern, voll entfalten.

„Professorinnen und Professoren lernen auch durch die Fragen der Studierenden“ - von Bernstorff

Doch allein hierin erschöpften sich die Möglichkeiten für Studierende der Juristischen Fakultät in Tübingen nicht. Der Dekan erwähnte besonders das seit zwei Jahren eingeführte, in Deutschland einzigartige Zertifikatsstudium „Recht-Ethik-Wirtschaft“ für Studierende auch anderer Fächer sowie die intensive Kooperation mit der University of North Carolina in Chapel Hill.

Auch Sintje Leßner, die Präsidentin des Landesjustizprüfungsamtes, beglückwünschte die Studierenden zum bestandenen ersten Staatsexamen. Für alle im Landesjustizprüfungsamt sei es immer ein besonders schöner Moment im Semester, wenn man sich mit voll beladenen Koffern voller Examenszeugnisse auf den Weg zu deren Verleihung in die Universitätsorte begebe. Jede/r der Examinierten könn sich heute für seine ganz besondere Leistung feiern lassen, die den Studierenden neben juristischer Begabung auch viel Disziplin, Fleiß und Motivation abverlangt habe, so Leßner. Dank gelte in diesem Zusammenhang auch allen, die die Studierenden auf ihrem Weg zum Examen unterstützt haben: den Professoren für die fachlich exzellente Ausbildung und das Engagement bei den Prüfungen sowie auch den Eltern und Freunden für ihren psychischen und finanziellen Beistand.

Nachdem Leßner einen der wenigen juristen-freundlichen Witze erzählt hatte, präsentierte sie den Anwesenden umfangreiche Statistiken und Details zu der vergangenen Prüfungskampagne. Sodann appellierte sie an die Examinierten, das bevorstehende Referendariat als einzigartige Gelegenheit zu nutzen, verschiedene juristische Berufe kennen zu lernen, um evaluieren zu können, ob es sich beim bislang vorgestellten „Traumberuf“ tatsächlich um einen solchen handele.

Der Festredner Prof. Bernd Heinrich (Uni Tübingen) widmete seinen Vortrag dem Spannungsfeld gesellschaftlicher Eliten zwischen Korruption und Vetternwirtschaft unter dem Titel „Eine Hand wäscht die andere“. Mit diesem Thema versuche er den Spagat zwischen dem Interesse der juristisch vorgebildeten Zuhörer und dem Verständnis der Gäste ohne juristische Vorbildung. Zu Beginn beschäftigte sich Heinrich mit der Definition des Begriffs der gesellschaftlichen „Elite“, die zwangsläufig aus der sozialen Mehrschichtigkeit einer Gesellschaft hervorgehe – nicht nur in autoritär regierten Staaten. Ihre zwei zentralen Charakteristika seien einerseits der begrenzte, ihr zugehörige Personenkreis und andererseits die Möglichkeit der Ausübung von Macht.

„Die Ausübung von Macht [ist] auch nichts Verwerfliches: Die Regierung und das Parlament sollen ja gerade Entscheidungen treffen, die für andere, d.h. für das ‚Volk‘, verbindlich sind – Heinrich

Dies gelte selbst dann noch, wenn der Erklärende seine Entscheidung nicht anhand objektiver Kriterien treffe und dessen persönliche Meinung im Mittelpunkt stehe, Transparenz vorausgesetzt. Sodann erörterte Heinrich anhand zahlreicher Beispiele ausführlich das Für und Wider einer durch die Verfolgung eigener Interessen geprägten Vetternwirtschaft. Dabei stelle sich die Frage, ob solches Handeln moralisch verwerflich oder doch eher verständlich sei und, im Kontext der Examensfeier eine Juristenfakultät besonders bedeutsam, ob den Verhaltensweisen strafrechtliche Relevanz zukomme. Heinrich erläuterte daher den Zuhörern ausführlich die verschiedenen Aspekte der Korruptionsstrafbarkeit nach deutschem Recht, gleichzeitig aber auch Unterschiede zu Nachbarstaaten wie – dem viel mehr „elitengeprägten“ – Frankreich. Noch früher als dort in der École Nationale d‘Administration beginne die Elite in Großbritannien in elitären Internaten, die nur wenigen Privilegierten offen stünden. In beiden Ländern finde laut soziologischen Untersuchungen weniger eine „Leistungsauslese“ als vielmehr eine „soziale Auslese“ statt.

„Wenn schon der Zugang zu den privilegierten Bildungseinrichtungen nicht von einer Leistungs-, sondern von einer sozialen Auslese geprägt ist, und [...] von der Gesellschaft als völlig unproblematisch angesehen wird, was liegt dann näher, als dieses Prinzip auch später anzuwenden, wenn es um die Besetzung von Schlüsselstellungen [...] geht.“ – Heinrich

Er schloss seinen Vortrag mit der Feststellung, dass hier noch vieles im Dunkeln schlummere, zu dem auch das Strafrecht noch keinen Zugang gefunden habe.

Nach dem Festredner betrat die Studierendensprecherin Jana Stefanek das Podium des Festsaals. Auch sie schloss sich ihren Vorrednern mit herzlichen Glückwünschen an alle Absolventinnen und Absolventen an. Gerade aus der Sicht einer Studentin müsse man die in das Examen investierte Energie und Arbeit der Examinierten besonders bewundern und wertschätzen. Stefanek appellierte an die Absolventinnen und Absolventen, den Tag der Examensfeier auch dafür zu nutzen, die nun zu Ende gehende Studienzeit mit allen Höhepunkten und Krisen nochmal Revue passieren zu lassen. Besonderes Augenmerk sei dabei den vielen Menschen zu schenken, denen man im Laufe des Studiums in Tübingen begegnet sei; vielleicht könne ja sogar der eine oder andere Kontakt im weiteren Leben bewahrt werden.

Es folgte die Übergabe der Urkunden zuerst an die silbernen und anschließend an die goldenen Promotionsjubilare der Fakultät, die vor 25 bzw. vor 50 Jahren eine erfolgreiche Doktorarbeit verfasst hatten und sich mit großer Freude im Festsaal wieder begegneten.

Bevor auch den Examinierten endlich die ersehnten Examenszeugnisse übergeben wurden, hielt die Examensfeier noch eine Premiere bereit: Erstmals verlieh Prof. Hermann Reichold im Namen der Juristischen Gesellschaft Tübingen e.V. den mit 750 € dotierten Examenspreis an die allerbeste Kandidatin der Prüfungskampagne, Sima Samari. Es folgte die Übergabe der Zeugnisse an die zahlreichen Absolventinnen und Absolventen, die in einen Sektempfang in der Wandelhalle der Neuen Aula mündete.

Anschließend bot sich für die frisch Examinierten die Möglichkeit, das bestandene erste Staatsexamen bei dem von der Unabhängigen Liste Fachschaft (ULF) veranstalteten Examensball in den Oberen Sälen des Restaurant Museum gebührend zu feiern.

Fotos: Hoffmann Fotografie // Text: Pierre Bounin