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BGH-Präsidentin spornte Tübinger Juristinnen an

Gut besuchte Auftaktveranstaltung der Reihe „Women and Law“ mit Bettina Limperg: „Kann es sein, dass Justitia weiblich ist?“
BGH-Präsidentin spornte Tübinger Juristinnen an

Bettina Limpberg

 

„Verdient es besondere Hervorhebung, dass in der sechzigjährigen Geschichte des Bundesgerichtshofs seit dem Jahre 2014 erstmals eine Frau an dessen Spitze steht?“ lautete die Frage, welche die Präsidentin des Bundesgerichtshofs (BGH), Bettina Limperg, am 29. Januar im Hörsaal 9 der Neuen Aula aufwarf. Die Referentin gestand, dass sie solche Feststellungen im Zusammenhang mit ihrem Amtsantritt seinerzeit eher befremdet hätten, habe dies doch gezeigt, wie ganz und gar außergewöhnlich die Tatsache der Ernennung einer Frau an die Spitze der ordentlichen Gerichtsbarkeit allgemein empfunden wurde.

Anlass für den Besuch Limpergs an der Juristischen Fakultät in Tübingen war die Auftaktveranstaltung zur neuen Vortragsreihe „Women and Law“. Zahlreiche Studentinnen – und auch Studenten –, wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ebenso einige Richterinnen und Richter der Landgerichte in Tübingen und Hechingen, Professoren der Fakultät aber auch einige nichtjuristische Zuhörer warteten mit Spannung darauf, was sich hinter dem Titel „Kann es sein, dass Justitia weiblich ist?“ verberge, den Präsidentin Limperg für ihren Eröffnungsvortrag gewählt hatte.

Eingangs hieß der Prodekan Prof. Dr. Stefan Thomas Frau Präsidentin Limperg und alle Zuhörerinnen und Zuhörer herzlich willkommen. Er verwies darauf, dass juristische Karrieren in vielen Bereichen immer noch deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede aufwiesen. So sei das Geschlechterverhältnis im Studium noch relativ ausgeglichen, bei den Dissertationen und Habilitationen nehme der Anteil von Juristinnen aber dann schrittweise ab. Das sei ein empirischer Befund, dem sich die Universität stellen müsse. Daher hätten die Gleichstellungsbeauftragte der Fakultät und das Dekanat gemeinsam eine Plattform entwickeln wollen, die es ermöglicht, sich mit diesen Fragen zu befassen.

Anschließend sprach die Gleichstellungsbeauftragte Josephine Asche und erläuterte, welche Anliegen sie mit der neuen Veranstaltungsreihe verbinde. Sie hob hervor, dass es zuvörderst darum gehe, Impulse zu setzen und zu motivieren. Der Feststellung, dass in bestimmten Bereichen der höheren Justiz, im Wissenschaftsbetrieb oder etwa in Rechtsanwaltskanzleien Leitungspositionen immer noch deutlich überwiegend mit männlichen Juristen besetzt seien, müsste schließlich keinesfalls mit Resignation begegnet werden. Indem erfolgreiche Juristinnen persönlich über ihre Karriere, die Herausforderungen und das Erreichte berichteten, solle gezeigt werden, dass individuelle weibliche Karrieren – und damit stets auch ein Stück allgemeiner Wandel der Verhältnisse – möglich seien. Asche rief die Studentinnen dazu auf, sich ruhig hohe und ambitionierte Ziele zu setzen. Es müsse ja nicht gleich und in jedem Fall das Amt der Präsidentin des BGH sein.

Mit großer Neugier erwarteten die Zuhörerinnen und Zuhörer sodann den Eröffnungsvortrag. Limperg, die einen Teil ihres Studiums auch in Tübingen verbracht hat, begann zunächst mit einigen biographischen Notizen. Sie berichtete, dass sie in ihrem beruflichen Werdegang auch in Phasen der Unsicherheit und des Zweifelns geriet und sich immer wieder neuen Herausforderungen stellen musste. Dies betraf zum einen die verschiedenen juristischen Tätigkeiten und Ämter, zum anderen aber auch die Vereinbarung ihrer Karriere mit Familie und Kindern.

Sodann richtete sie ihren Blick auf das Geschlechterverhältnis in den verschiedenen juristischen Berufsfeldern. Sie attestierte, dass etwa bei den Berufseinsteigerinnen und -einsteigern im Bereich der Justiz ein mittlerweile nahezu ausgeglichenes Verhältnis herrsche, die höheren Positionen in der Gerichtsbarkeit aber immer noch in deutlich geringerem Maße mit Richterinnen besetzt seien als mit Richtern. Dies gelte auch für die Senate des Bundesgerichtshofs. Um einen Veränderungsprozess in diesen Bereichen weiter voranzutreiben, müsse auf verschiedenen gesellschaftlichen und fachlichen Ebenen ein Umdenken gefördert werden. So wies Limperg etwa auf die Notwendigkeit hin, sich auch bei der sprachlichen Gestaltung von Gesetzen, juristischen Texten, aber auch etwa juristischen Klausursachverhalten von klassischen Rollenbildern zu verabschieden, bei denen das Männliche (grammatikalisch) noch immer vielfach dominiere. Verhaltenserwartungen würden auf dieser Ebene durchaus unbewusst vorgeprägt. Ferner betonte die BGH-Präsidentin, dass es vor allem notwendig sei, Strukturen zu schaffen, die eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf besser ermöglichten. Dies betreffe etwa Fragen der Kinderbetreuung und Elternzeit. Hierbei könne es aber nicht darum gehen, von vornherein der Frau die Aufgabe zuzuweisen, in der „Rush-hour des Lebens“ familiäre Verantwortung neben dem Beruf zu übernehmen. Vielmehr verwies sie auf neuere, sozialwissenschaftlich fundierte Ansätze, die darauf gerichtet sind, in stärkerem Maße als bisher von Männern soziales und familiäres Engagement einzufordern.

Einen ganz konkreten Rat für die anwesenden Studentinnen hatte Präsidentin Limperg aber auch. Sie ermutigte junge Juristinnen, sich aktiv für eine ambitionierte Karriere im Bereich der Jurisprudenz zu entscheiden und hierbei nicht zaghaft zu sein. Ganz in diesem Sinne rief sie ihren Zuhörerinnen zum Abschluss zu: „Traut euch was!“

Im Nachgang standen Frau Präsidentin Limperg und ihr Mitarbeiter Dr. Tobias Quantz den Teilnehmerinnen und Teilnehmern bei Wein und Brezeln für Gespräche und Fragen zur Verfügung. Die Fakultät bedankt sich herzlich bei Frau Limperg für diesen packenden und anregenden Vortragsabend.

Text: Josephine Asche und Prof. Dr. Stefan Thomas
Weitere Bilder finden Sie hier.
Ein Interview mit Bettina Limpberg nach der Veranstaltung finden Sie hier.