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Juristische Gesellschaft Tübingen e.V.

Interview mit Prof. Rita Haverkamp zum Thema „Sicherheit in Tübingen“

Redaktion: Wie definieren Sie den Begriff „Sicherheit“ im kriminalpolitischen Kontext?

    Haverkamp: Aus kriminologischer Sicht lässt sich Sicherheit idealtypisch negativ definieren: Sicherheit besteht dann, wenn es keine Kriminalität und keine Kriminalitätsfurcht gibt. Allerdings sind in der Realität Kriminalität und Kriminalitätsfurcht in einem gewissen Rahmen normal (vgl. nur Durkheims Anomietheorie). Über die Frage, wann das normale Maß überschritten ist, lässt sich trefflich streiten.

     

    Redaktion: In der letzten Zeit wird zunehmend über Gewaltstraftaten berichtet. Kann tatsächlich von einem Kriminalitätsanstieg gesprochen werden oder ist eine wachsende Diskrepanz zwischen statistisch belegbarer Realität und subjektiver Wahrnehmung zu erkennen?

    Haverkamp: Betrachtet man die aktuelle Polizeiliche Kriminalstatistik von 2017, so erreichte die Gewaltkriminalität im Beobachtungszeitraum zwischen 2003 und 2017 bundesweit ihren Höhepunkt 2007 und ihren Tiefststand 2014 und 2015. 2016 war ein Anstieg und 2017 wiederum ein Rückgang zu verzeichnen. Innerhalb der Gewaltkriminalität ist bei den Sexualstraftaten im Vergleich zum Vorjahr ein Rückgang um 5,4% festzustellen. Bei den Sexualstraftaten ist allerdings zu beachten, dass die Reform aus dem Jahr 2016 Verschiebungen der Fallzahlen zwischen Deliktsarten und statistischen Neuerfassungen nach sich gezogen hat. Ein Vergleich der Fallzahlen aus dem Jahr 2017 mit den Vorjahreszahlen ist daher nur bedingt möglich.

    Zur objektiven Lage in Tübingen hingegen kann ich nicht viele Informationen geben, weil mir die PKS-Daten nicht vorliegen. Ich kann nur auf den allgemeinen Trend des Rückgangs der Kriminalität hinweisen – es wäre ungewöhnlich, wenn gerade in Tübingen die Gewaltstraftaten ansteigen, wenn sie andernorts doch weniger werden. Es ist natürlich klar, dass viele Straftaten nicht angezeigt werden – es ist immer ein Dunkelfeld da; das variiert auch von Delikt zu Delikt.

    Für mich ist es immer interessant, wenn Sicherheitsgefühl und objektive Lage nicht übereinstimmen. Es gibt diese bestimmten „Angstorte“, mit denen wir aufwachsen. Dazu kommen dann noch weitere Faktoren: die lokale Presse, konkretisierte Ereignisse, oder auch die Sozialen Medien. Es ist zu beachten, dass derzeit der Fokus der Berichterstattung auf dem liegt, was die Menschen bewegt – dazu gehört insbesondere das Thema innere Sicherheit. So stellt sich auch die Frage, ob sich hinter dem Thema Sicherheit bzw. Unsicherheit nicht auch noch weitere Ängste insbesondere im Hinblick auf den gesellschaftlichen Wandel verbergen.

     

    Redaktion: Unter uns StudentInnen ist insbesondere der Alte Botanische Garten und der Bereich um das Stadtviertel Waldhäuser Ost „gefürchtet“. Was kann die Stadt unternehmen, um Plätze wie diese wieder attraktiver und sicherer zu gestalten?

    Haverkamp: Solch eine Wahrnehmung ist durchaus nachvollziehbar. Insbesondere Bahnhöfe, Grünanlagen oder auch Tunnel zählen zu diesen Angstorten. Ich versuche dies damit zu erklären, wovor Menschen allgemein Angst haben. Meistens geht es auch um das Thema Dunkelheit. Dunkelheit erzeugt insofern Unsicherheit, als dass wir nicht wissen, wem wir gerade begegnen. Tagsüber ist es lebendiger, man hat mehr Einblicke und kann das Gelände besser einsehen.

    Es gibt verschiedene kriminalpräventive Ansätze, insbesondere auch in städtebaulicher Hinsicht, um angsterzeugende Gegebenheiten an solchen Orten zu reduzieren. An den von Ihnen genannten Orten ließen sich gestalterische Maßnahmen vornehmen. Hierzu gehört beispielsweise eine bessere Ausleuchtung und die Entfernung die Sicht behindernden Grüns.

     

    Redaktion: Fühlen Sie sich als Kriminologin in Tübingen „sicher“?

    Haverkamp: Ja, ich fühle mich in Tübingen sehr sicher. Ich bin häufiger im Ausland und da kann ich nur sagen, dass ich froh und dankbar bin, in einem Land wie Deutschland zu leben, in dem man sich frei bewegen kann und in dem es vergleichsweise sicher ist.