Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Sektionen

Benutzerspezifische Werkzeuge

Sie sind hier: Startseite / Professoren & Dozenten / Prof. Dr. Kinzig / Aktuelles (raus) / Neues aus der Forschung / Infragestellung der Sicherungsverwahrung
Prof. Dr. Kinzig

Infragestellung der Sicherungsverwahrung

Wissenschaftler stellt Sicherungsverwahrung infrage

Nach einer neuen Studie aus Tübingen bleiben auch ungefährliche Täter in Haft

Stuttgart - Laut einer Studie der Uni Tübingen geht von den zu Sicherungsverwahrung verurteilten Personen deutlich weniger Gefahr aus als angenommen. Die Wissenschaftler um Jörg Kinzig stellen daher nun die drastische Strafe infrage.


VON STEFAN KLINGER

Jörg Kinzig bewahrt stets den Blick für die Realität. Der Professor am Lehrstuhl für Strafrecht und Strafprozessrecht beriet als Sachverständiger schon mehrmals den Rechtsausschuss des Bundestages bei Gesetzesentwürfen. Der 45-Jährige weiß daher genau, wie die Mühlen in der Politik mahlen - und befürchtet, dass er und seine Mitarbeiter kaum Chancen mit ihrem Anliegen haben. "Ich mache mir keine Illusionen, dass unsere Anregung umgesetzt wird", sagt Jörg Kinzig, "die Politiker zeigen momentan eine sogenannte punitive Tendenz."

Die Diskussion über den Sinn der Sicherungsverwahrung sei vielen zu heikel. Mehr noch: Fast alle Parteien sind laut Kinzig "bereit, den Forderungen nach höheren Strafen nachzugeben". Auch im baden-württembergischen Justizministerium finden die Tübinger wohl kaum Befürworter. Ministeriumssprecher Stefan Wirz kommentierte die Ergebnisse der Studie gegenüber unserer Zeitung nicht. Stattdessen betonte er, dass Baden-Württemberg das im Juli 2004 erlassene Gesetz der nachträglichen Sicherungsverwahrung - ein Ausbau der Strafe Sicherungsverwahrung - angestoßen habe.

Die Tübinger Wissenschaftler stört das kaum. Sie versuchen trotzdem, die Diskussion über die Notwendigkeit der Strafe anzustoßen. Denn für Jörg Kinzig steht fest: "Einige Menschen befinden sich in der Sicherungsverwahrung, obwohl sie nicht wirklich gefährlich sind."

Den Beweis liefert aus seiner Sicht ihre Studie: So untersuchten die Tübinger das Schicksal von knapp 500 Straftätern, die meist in den 80er Jahren neben einer langen Freiheitsstrafe zu Sicherungsverwahrung verurteilt worden sind. Bei der Hälfte dieser Personen wurde die Sicherungsverwahrung ausgesetzt. Nur bei 35,1 Prozent mussten die Richter das widerrufen. "Die Gründe dafür waren aber nicht immer neue Straftaten", erklärt Jörg Kinzig, "manche haben auch gegen Bewährungsauflagen verstoßen, indem sie Therapien nicht besuchten."

Für Kinzig ein weiteres Indiz, dass die Gefährlichkeit der Sicherungsverwahrten überschätzt wird: 22 Personen mussten aus formalrechtlichen Gründen in die Freiheit entlassen werden. Obwohl sie als gefährlich eingestuft wurden, sind nur acht rückfällig geworden. "Demnach würde nur ein kleiner Teil der Sicherungsverwahrten, entließe man ihn, schwer rückfällig", sagt Jörg Kinzig, "also stellt sich die Frage: Muss die Gesellschaft das tragen oder gilt für die tatsächlich ungefährlichen, in Sicherungsverwahrung sitzenden Personen ,mitgehangen, mitgefangen'?"

Vorerst bleibt das unbeantwortet. Für die 427 Ende 2007 Sicherungsverwahrten sowie etwa 90 jährlich hinzukommende gilt daher weiter: Alle zwei Jahre wird überprüft, ob sie in die Freiheit entlassen werden können.

Für Jörg Kinzig steht indes ohnehin fest, dass es eines Tages zumindest zur ernsthaften Diskussion über die Abschaffung der Sicherungsverwahrung kommt: "In der Kriminalpolitik gibt es Zyklen. In den 70er Jahren legte man größeren Wert auf Resozialisierung, seit Mitte der 90er setzt man mehr auf Strafe. Das wird sich vermutlich eines Tages wieder ändern."

"Nur ein kleiner Teil würde schwer rückfällig"

 


©2008 Stuttgarter Nachrichten