Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Sektionen

Benutzerspezifische Werkzeuge

Sie sind hier: Startseite / Fakultät / Nachrichten der Fakultät / Verleihung der Ehrendoktorwürde an Prof. Dr. Dietmar Willoweit
Fakultät
« Dezember 2018 »
Dezember
MoDiMiDoFrSaSo
12
3456789
10111213141516
17181920212223
24252627282930
31

Verleihung der Ehrendoktorwürde an Prof. Dr. Dietmar Willoweit

In einem Festakt am 16. Dezember 2011 verlieh die Juristische Fakultät Herrn Prof. Dr. Dietmar Willoweit von der Julius-Maximilians-Universität Würzburg für seine bahnbrechenden Forschungen auf dem Gebiet der modernen Staatsbildung die Ehrendoktorwürde.
Verleihung der Ehrendoktorwürde an Prof. Dr. Dietmar Willoweit

Prof. Dr. Dr. h.c. Dietmar Willoweit

 

Dekanin Professor Barbara Remmert betonte in ihrer Begrüßung vor dem mit Angehörigen der Fakultät und zahlreichen Gästen vollbesetzten Großen Senat, dass es an der Tübinger Juristischen Fakultät – anders als bei manch anderen Fakultäten – keine inflationäre Vergabe der Ehrendoktorwürde gäbe. Auch dass nach siebenjähriger Abstinenz im Jahr 2011 bereits zum zweiten Mal dieser Titel verliehen werde, drücke keine Veränderung der Haltung der Fakultät aus. Ob etwas etwas Besonderes sei, bemesse sich auch, aber nicht nur nach zeitlichen Gesichtspunkten. Remmert bezeichnete es als Glücksfall, dass man dieses Jahr beinahe zeitgleich zwei Kandidaten gehabt habe, die diese Ehre beide ohne jeden Zweifel verdient hätten.

Professor Dietmar Willoweit sei jedenfalls eine Idealbesetzung für die Ehrenpromotion der Tübinger Juristischen Fakultät. Nicht nur, dass seine wissenschaftliche Leistung über jeden Zweifel erhaben sei und aufgrund seiner breiten Forschungen im Bürgerlichen Recht, Öffentlichen Recht und im Strafrecht alle Kollegen einen Bezug zu seinem Werk hätten. Hinzu komme, dass Willoweit von 1979 - 1984 Mitglied der Tübinger Juristischen Fakultät gewesen sei mit der Folge, dass er einen ganz besonderen Bezug zu Tübingen habe.

Professor Jan Schröder hob in seiner Laudatio die besondere Arbeitsweise des zu Ehrenden hervor. Neue Beobachtungen und Umwege bei der Erforschung würden Wissenschaft gerade ausmachen. Erkenntnisgewinn erziele man besonders durch Perspektivenwechsel. Von dieser Maxime habe sich Willoweit bereits bei seiner Habilschrift leiten lassen und damit bahnbrechende Erkenntnisse über den vormodernen Staat erzielen können. Es habe sich dabei um ein Buch gehandelt, von dem Schröder mit Fug und Recht behaupten wollte, das es sofort unentbehrlich geworden seid und dass man sich die Frage gestellt habe, warum es nicht längst geschrieben worden sei.

Besondere Bekanntheit habe Willoweit durch sein Werk über die Deutsche Verfassungsgeschichte erlangt, welches die erste moderne, von einem Juristen geschriebene Verfassungsgeschichte gewesen sei. Da die Verfassungsgeschichte ein Gebiet sei, dass sowohl von Vertretern der Jurisprudenz als auch der Historie beansprucht werde, sei es umso beachtlicher, das Willoweit von beiden Seiten ernst genommen werde. Dennoch bilde die Verfassungsgeschichte nicht seinen einzigen Lebensschwerpunkt. Vielmehr stehe Staatsbildung und Recht im Mittelpunkt. Durch die Erforschung des vormodernen Rechts in Tiefe und Breite habe Willoweit herausarbeiten können, dass es sich bei der vorstaatlichen Gesellschaft um eine Welt für sich mit ihrer ganz eigenen Mentalität gehandelt habe.

Willoweit sei aber nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als Mensch und Kollege auszuzeichnen. Sein Wohlwollen, seine Offenheit und die wissenschaftliche Neugier, mit der er nicht bei einem Thema stehen bleibe, sondern sich stets neue Forschungsfelder suche, machten seine Persönlichkeit so interessant. Diese Eigenschaften hätten ihn in hohe Ehrenämter geführt, zuletzt (2006-2010) in das Amt des Präsidenten der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Die Wahrnehmung dieser Aufgaben zeige Willoweit auch als bedeutenden und hochangesehenen Vertreter der Rechtswissenschaft und der ganzen Wissenschaftswelt.

Nach Verlesung der Promotionsurkunde, nach der Willoweit als "Meister der Rechts- und Verfassungsgeschichte, bahnbrechender Erforscher der modernen Staatsbildung und großer Repräsentant der deutschen Rechtswissenschaft" mit der Ehrendoktorwürde geehrt wird, überreichte Remmert diese an den Geehrten. Als handfestes Zeichen der Ehrung erhielt Willoweit zudem eine Faksimileprägung des von der Fakultät seit 1482 geführten Siegels.

Willoweit, der betonte, seine Worte des Dankes nicht vorformuliert zu haben, zeigte sich gerührt von der ihm zuteil gewordenen Ehre. Ihm sei bewusst, dass die Fakultät die Ehrendoktorwürde nicht wie Karnevalsoden verteile, und er habe mit dieser Ehrung keinesfalls gerechnet. Die Würde werde aber nicht ihm allein zuteil, sondern gelte der Rechtsgeschichte. Wegen der Studienreformen stehe dieses Fach mit dem Rücken zur Wand. Rechtsgeschichtliche Forschung bleibe aber unerlässlich, solange Wissenschaft an Wahrheit interessiert sei. Juristerei und Rechtsgeschichte würden sich beide gegenseitig brauchen.

Die Laudatio, die er erst noch verdauen müsse, ließ Willoweit zurückblicken und sich fragen, was es denn für eine Sache war, der er sein Leben gewidmet habe. Zwar hätten auch gelegentlich bewusste Entscheidungen zu neuen Forschungsthemen geführt, oft habe aber auch der Zufall eine maßgebliche Rolle gespielt. So sei Anregung für seine Habilitationsschrift ein Gutachtenauftrag an seinen akademischen Lehrer über die Besitzverhältnisse im Großherzogtum Baden gewesen.

Willoweit kündigte an, das Auditorium mit seinem Vortrag über das „Herrschaftsdenken vor dem Zeitalter der Souveränität“ ins Spätmittelalter zu entführen, und drückte seine Hoffnung aus, mit seinen Ausführungen zur Nachdenklichkeit anzuregen. Willoweit schilderte seine ersten Begegnungen mit dem Begriff der Souveränität in einer Vorlesung von Ernst Forsthoff. Souveränität müsse man als eine höchste Gewalt, die in ihrem Bereich keine höhere duldet, verstehen. Der Souveränitätsbegriff sei bis heute unentbehrlich, auch wenn immer mehr Entscheidungen auf multinationaler Ebene getroffen würden. Man könne zwar heute erahnen, wie ein Europa ohne souveräne Staaten aussehen könne, schwer vorstellbar sei es aber, dass eine politische Welt existiert habe, die die Souveränitätsidee nicht kannte. Gesetzgebung, wie wir sie heute kennen, sei aber ein Merkmal der anbrechenden Neuzeit. Man könne insoweit von einem "Zeitalter der Souveränität" sprechen. Willoweit warf die Frage auf, wie Herrschaft in der präsouveränen Epoche verstanden worden sei.

Maßgeblich für dieses Verständnis sei das Werk des englischen Franziskaners Wilhelm von Ockham, der im 14. Jahrhundert im Konflikt zwischen Kaiser und Papst staatstheoretische Fragestellungen zu lösen versuchte. Willoweit kündigte an, sich Ockhams Hauptwerk "Dialogus" aus begriffsgeschichtlicher Perspektive zu nähern. Dazu ging er zunächst auf Struktur und Duktus dieses Buches ein, welches - wie der Titel schon andeutet - nach dem Frage-Antwort-Schema gehalten ist. Ein Teil widmet sich dabei der Herrschaftsgewalt des Kaisers.

Ockham komme zu dem Schluss, dass der Kaiser zwar de jure über den ganzen Erdkreis herrsche, aber nicht de facto. Der Gegenthese, dass es Herrscher gibt, die die Hoheit des Kaisers schon allein deshalb nicht anerkennen, da sie von ihm nichts wissen, und dass es auch im europäischen Raum mit dem französischen König Herrscher gab, die eine Überhoheit des Kaisers nicht anerkannten, tritt Ockham entgegen und behauptet, dass diese nur kraft ihrer Gutgläubigkeit tatsächlich eigenständige Herrschaftsgewalt ausüben könnten.
Nach Ockham ist die Herrschaftsgewalt des Kaisers zu differenzieren in die Gewalt über Menschen und die über Sachen. Die Gewalt über Menschen schlägt sich in der Gehorsamspflicht gegenüber dem Kaiser nieder. Diesem sei in allen Dingen Gehorsam zu leisten, die nichts Unrechtes sind. Mit dem Begriff "regimen populi" führt Ockham die Kategorie des Gemeinwohls ein. Zu gehorchen sei dem Kaiser nur da, wo dieser das ihm unterworfene Volk gerecht und mit Nutzen leitet. Dem Volk schadende Gebote müsse man daher nicht befolgen. Die Frage, ob aus der Herrschaft des Kaisers gefolgert werden müsse, dass entweder alle Reichsangehörigen Knechte des Kaisers seien oder aber Freie, differenziert Ockham dahingehend, dass von den Freien nur zum Nutzen des öffentlichen Wohls die Überlassung von Gut und Eigentum verlangt werden könne. Andernfalls verletzte der Befehl des Kaisers die Würde des Menschengeschlechts. In einer Pflichtenkollision des Untertanen bei einem Krieg zwischen seinem Fürst und dem Kaiser liege ein Majestätsverbrechen nur vor, wenn es sich um einen ungerechten Krieg handele, was aber bei einem Krieg eines Fürsten gegen seinen Kaiser zu vermuten sei.

Ausführlich widmet sich Ockham der Gewalt des Kaisers über weltliche Güter. Dies macht es erforderlich, die hoheitliche Gewalt in Abgrenzung zum Eigentum zu definieren. Das lateinische Wort "dominium" kann sowohl Herrschaft als auch Eigentum bezeichnen. Ohne den Souveränitätsbegriff ist eine Unterscheidung zwischen der Herrschaft des Kaisers von der des Bürgers über sein Eigentum nicht möglich. Ockham widmete sich mit erheblicher Mühe der Aufgabe, das übergreifende Dominium des Kaisers von dem individuell begrenzten Dominium anderer Personen abzugrenzen.
Dass der Kaiser nicht Eigentümer aller Sachen sein könne, ergebe sich schon daraus, dass es herrenlose Dinge gebe und der Kaiser auch selbst oft Güter verschenke. Um das Privateigentum des Kaisers zu kennzeichnen, führt Ockham neue Begriffe ein wie das "fette" oder gar das "allerfetteste" Recht. Hinsichtlich aller weiteren Güter komme dem Kaiser nur ein dominium principale zu, welches ihm erlaube, die Sache aus Gründen des allgemeinen Nutzens an sich zu ziehen. Auch wenn der Kaiser Herr der Welt sei, so könne er nicht alles nach Belieben fordern, sondern nur aus Gründen des öffentlichen Nutzens.
Die generelle Machtvollkommenheit des Kaisers schränkt Ockham innerhalb der Lehren des Gottes- und Naturrechts dahingehend ein, dass es neben den kaiserlichen Gesetzen auch allen Sterblichen gemeine Gesetze, das ius gentium gäbe, die - weil auf dem Konsens aller beruhend - auch für den Kaiser verbindlich seien. Willoweit führte aus, dass dieses ius gentium kein Soft-Law wie heute das Völkerrecht sei, sondern ihm wurde dieselbe Verbindlichkeit zugesprochen, wie sie jedes Recht beanspruchte. Ein Verstoß des Kaisers hiergegen löste auch dann ein Widerstandsrecht aus, wenn die Grenzen des Naturrechts dabei nicht überschritten worden seien. Begründet wird dies darin, dass die Macht des Kaisers vom Volke abgeleitet sei, und dieses könne nicht mehr Machtvollkommenheit übertragen, als ihm selbst zukomme. Dies bedeute gleichermaßen, dass die Machtvollkommenheit des Kaisers durch das Gemeinwohl gebunden sei.

Zusammenfassend stellte Willoweit fest, dass das präsouveräne Herrschaftsdenken mit großen Abgrenzungsschwierigkeiten konfrontiert war. Durch das Postulat einer immanenten Beschränkung des Herrschaftsrechts auf das Gemeinwohl konnte Ockham die Herrschaftsgewalt des Eigentümers von der des Kaisers differenzieren. Die neuzeitliche Staatstheorie hat diese Schwierigkeiten nicht mehr. Sie kennt Eigentum und Herrschaft als unterschiedliche Begriffe. An die Stelle des Begriffs der Herrschaft tritt der Begriff der Obrigkeit. Durch die entfallende Notwendigkeit, hier zu differenzieren, entfällt auch die immanente Beschränkung der Obrigkeitsgewalt durch das Gemeinwohl. Die öffentliche Gewalt musste deshalb nun von außen her, durch Menschen- und Bürgerrechte eingeschränkt werden. Wo diese äußere Grenze fehlte, blieb eine Machtfülle der Obrigkeit von grandioser Maßlosigkeit.

Nach großem Applaus für seinen Vortrag zogen der Geehrte und die Professoren der Fakultät aus dem großen Senat aus.

Im Anschluss an den Festakt fand im Kleinen Senat ein Imbiss statt.

Weitere Bilder der Veranstaltung finden Sie hier.

 

(Fotos: Julian C. Monschke)