Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Sektionen

Benutzerspezifische Werkzeuge

Sie sind hier: Startseite / Fakultät / Nachrichten der Fakultät / Gedächtnissymposium für Prof. Schürnbrand
Fakultät
« November 2017 »
November
MoDiMiDoFrSaSo
12345
6789101112
13141516171819
20212223242526
27282930

Gedächtnissymposium für Prof. Schürnbrand

Symposium zu Ehren des im Oktober 2016 verstorbenen Tübinger Professors Jan Schürnbrand.

 

Zu Beginn der Veranstaltung begrüßte der amtierende Dekan der Juristischen Fakultät, Prof. Stefan Thomas, alle Anwesenden und drückte abermals die tiefe Trauer der Fakultät um den so bestürzend früh verstorbenen Kollegen aus. Im Hörsaal 14 der Neuen Aula hatten sich am 3. November zu dem Gedächtnissymposium nicht nur die Familienmitglieder des Verstorbenen sowie dessen ehemalige Kollegen, sondern auch zahlreiche Studierende eingefunden.

Als erster Redner des Abends betrat Prof. Mathias Habersack, an dessen damaligem Lehrstuhl in Mainz Schürnbrand von 2001 bis zu seiner Habilitation 2007 als Assistent tätig gewesen war, das Rednerpult. Auch Habersack betonte die unfassbare Tragik des vorzeitigen Todes Schürnbrands, die auch für ihn als dessen akademischen Vater besonders schwer wiege. Die jahrelange Zusammenarbeit am Mainzer Lehrstuhl hatte die beiden eng mit einander verbunden.

„[Wir haben] über einen Zeitraum von mehr als sechs Jahren fast jeden Werktag von früh morgens bis spät abends Tür an Tür und durch gemeinsame wissenschaftliche Interessen verbunden erlebt.“ – Habersack

Anschließend gab Habersack den anwesenden Zuhörern einen Einblick in die Privatperson und das Leben des Verstorbenen. Dabei betonte er insbesondere die wichtige Rolle seiner Frau, ohne deren Unterstützung und Aufmunterung der Abschluss seiner Dissertationsarbeit – so heißt es in deren Widmung wörtlich – nicht möglich gewesen wäre. Habersack erinnerte sich daran zurück, wie er und Schürnbrand zu jeder Zeit auch nach dessen Abschied vom Lehrstuhl noch bis zu dessen Tod stets in regem Kontakt gestanden hatten.

Im zweiten Teil seiner Rede würdigte er das „imponierende wissenschaftliche Werk“ Schürnbrands, in dessen Mittelpunkt neben dem allgemeinen Bürgerlichen Recht und der Methodenlehre insbesondere das Kapitalmarkt- und Verbraucherschutzrecht standen. Als Charakteristika für Schürnbrands Werk nannte Habersack große Präzision, Schnörkellosigkeit, klare Gedankenführung und Sinn für die Rechtswirklichkeit.

„Wer es erleben durfte, mit welcher Gewissenhaftigkeit und Zielstrebigkeit […] Jan Schürnbrand an die sich ihm stellenden Aufgaben herangegangen ist, weiß, wovon ich rede.“ – Habersack

Schürnbrand hinterlasse ein Werk, auf das Habersack voller Bewunderung schaue und das zur großen Wertschätzung, die er schon zu Lebzeiten erfahren hatte, auch weiterhin beitrage. Abschließend hob Habersack erneut die bereichernde Persönlichkeit des Verstorbenen hervor, bevor er das Wort an den von ihm als „Milchbruder Jan Schürnbrands“ bezeichneten Prof. Dirk Verse übergab, der sich nur ein Jahr vor Schürnbrand ebenfalls in Mainz habilitiert hatte.

Verse appellierte eingangs dazu, bei aller Trauer um den viel zu frühen Tod die tröstende Tatsache nicht aus den Augen zu verlieren, dass man in den drei aus seiner Ehe hervorgegangenen Kindern auch Schürnbrand unverkennbar wiederfinde.

Seinen Vortrag widmete Verse einem Urteil des BGH vom 21. März (II ZR 93/16) zur kapitalerhaltungsrechtlichen Vereinbarkeit von Kreditvergaben und aufsteigenden Sicherheiten aus dem Gesellschaftsvermögen einer GmbH. Mit eben solchen aufsteigenden Sicherheiten hatte sich auch das – inzwischen durch Gesetzesänderungen revidierte – sog. „Novemberurteil“ des BGH aus dem Jahr 2003 beschäftigt, welches Gegenstand einer der ersten gesellschaftsrechtlichen Arbeiten Schürnbrands gemeinsam mit Habersack war.

Dabei präsentierte Verse zunächst die Kernaussagen des BGH-Urteils sowie dessen rechtliche Konsequenzen und ging schließlich auf die Pflichten der Geschäftsführer ein. Zusammenfassend wies er auf die Grundsatzproblematik hin, dass das MoMiG eine Gesetzesreform zu Lasten der Geschäftsführer darstelle, die ohnehin bereits unter dem großen Druck durch die Gesellschafter stünden und nun zusätzlich große Haftungsrisiken eingingen, wenn sie von den neuen Freiheiten Gebrauch machten. Verse gab dem BGH in dessen Aussage Recht, bereits der Zeitpunkt der Bestellung einer Sicherheit und nicht erst deren Verwertung sei maßgeblich bei der Prüfung am Maßstab des § 30 I GmbHG. Die Begründung hierfür liege zudem zutreffend in der Wertungsparallele zur aufsteigenden Kreditvergabe. Außerdem gab Verse dem BGH auch insofern Recht, als die Tatsache, dass sich die Sicherheitenbestellung nicht unmittelbar auf die Bilanz auswirke, der Annahme einer Auszahlung nicht entgegenstehe. Allgemein gesprochen sei eine bilanzielle Auswirkung generell keine Voraussetzung für eine Auszahlung im Sinne des Kapitalerhaltungsrechts. Zudem könne auch für schuldrechtliche Sicherheiten nichts anderes als für dingliche Sicherheiten gelten, da auch hier bereits die Übernahme des Ausfallrisikos der maßgebliche Auszahlungsakt sei.

Abschließend lobte auch Verse Schürnbrands großen Scharfsinn.

„[Er] verstand es, seine Verbesserungsvorschläge immer mit einem Schuss seines unverwechselbaren Humors zu versüßen. Er war […] ein […] feinsinniger, feiner Kollege – einer, der uns fehlt!“ – Verse

Der dritte Redner des Abends war Prof. Jens-Hinrich Binder mit seinem Vortrag „Darlehensnehmer und Verbraucherdarlehensnehmer – zwei Welten?“. Für den Darlehensgeber sei durch die Schuldrechtsreform im Jahre 2002 die Welt ungleich komplexer geworden, so Binder. Im Gegensatz zur früheren Rechtslage ginge es heute längst nicht mehr um einen vergleichsweise simplen Austauschvertrag, bei dem die Parteien ihre jeweiligen Risiken eigenverantwortlich einschätzen und dem durch entsprechende Konditionen Rechnung tragen könnten.

„Augenscheinlich haben wir mit dem tradierten Darlehensvertragsrecht einerseits und dem Verbraucherdarlehensrecht andererseits […] zwei einander fremde Welten vor uns – zwei […] mit unterschiedlichen Regeln und […] von geradezu gegensätzlichen Paradigmen geleitete Welten.“ – Binder

Anschließend verglich Binder die neue Welt des Verbraucherkredits ausführlich mit dem überkommenen Darlehensrecht der alten Welt. Er schlussfolgerte, dass sich aus dem Vergleich keineswegs ein Schwarz-Weiß-Kontrast ergebe: Entgegen vielfacher Behauptung sei auch nach der tradierten Rechtslage der Darlehensnehmer nicht gänzlich schutzlos gestellt gewesen, sondern durch ein komplexes Netz an Schutzinstrumenten vor finanzieller Überlastung geschützt und teilweise sogar vom Verlustrisiko aus dem finanzierten Geschäft befreit. Der Unterschied sei vielmehr qualitativer und modaler Natur. Erforderlich sei deshalb ein Untersuchungsansatz, der, statt die Unterschiede der beiden Welten zu beleuchten, den Funktionsvergleich der jeweils charakteristischen Schutzmechanismen beider Welten in den Vordergrund rücke.

Zum Abschluss seines Vortrags wies Binder auf die herausragende Bedeutung hin, die Kommentierungen und damit auch Kommentatoren wie Schürnbrand bei der Rechtsanwendung und Rechtsfortbildung zukommt.

„[Kommentatoren] müssen gerade bei rechtspolitisch veränderlicher Wetterlage mehr leisten als eine Sichtung und Ordnung des sich ändernden Normenbestandes – sie müssen Orientierung bieten.“ – Binder

Er unterschied zwischen Kommentator-Charakteren: Veränderungsresistente Traditionalisten, teils kurzsichtige Revolutionäre, Mitläufer sowie Staatsmänner, die für das neue Recht leben und zu denen er auch den Verstorbenen zählt. Schürnbrand habe seine Lotsenfunktion als zu Recht hoch geschätzter Kommentator zu wichtigen Gebieten des Bürgerlichen und des Gesellschaftsrechts sehr ernst genommen und mit der ihm eigenen Nüchternheit und Verlässlichkeit vorbildlich ausgefüllt.

Im Anschluss an die Vortragsveranstaltung bot sich für alle geladenen Gäste des Abends die Möglichkeit, sich im Kleinen Senat bei einem Empfang noch persönlich auszutauschen.

Text & Fotos: Pierre Bounin