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Muslime im Justizvollzug: Wer sorgt für die Seele?

Kriminologen und muslimische Theologen haben in einer Pilotstudie erstmals die Situation von Muslimen in baden-württembergischen Gefängnissen untersucht: In Sachen Seelsorge besteht viel Nachholbedarf, stellten sie fest und wollen weiter forschen.

 

Ein Gefängnis ist ein beklemmender Ort. Die Bewohner sind oft einsam und haben viel Zeit, sich mit Fragen nach Schuld, Strafe und Reue auseinanderzusetzen. Religion kann dabei eine Stütze sein. Die christliche Seelsorge ist deshalb in deutschen Strafvollzugsanstalten fest etabliert, häufig in Person eines hauptamtlichen Seelsorgers. Doch wie sieht es für Häftlinge muslimischen Glaubens aus? Entspricht das Essen islamischen Speisevorschriften? Wer hilft bei religiösen Fragen? Besteht die Gefahr einer Radikalisierung?

Von der Forschung bisher kaum beachtet

Ein Gefängnis ist ein beklemmender Ort. Die Bewohner sind oft einsam und haben viel Zeit, sich mit Fragen nach Schuld, Strafe und Reue auseinanderzusetzen. Religion kann dabei eine Stütze sein. Die christliche Seelsorge ist deshalb in deutschen Strafvollzugsanstalten fest etabliert, häufig in Person eines hauptamtlichen Seelsorgers. Doch wie sieht es für Häftlinge muslimischen Glaubens aus? Entspricht das Essen islamischen Speisevorschriften? Wer hilft bei religiösen Fragen? Besteht die Gefahr einer Radikalisierung?

Für die Erhebung begannen die Wissenschaftler quasi bei null; anhand der baden-württembergischen „Gefangenenverwaltungsdatenbank“ stellten sie erstmals den Anteil muslimischer unter Häftlingen fest. Wie diese ihre Religion ausüben können und wo Probleme auftauchen, erfuhren sie durch eine schriftliche Befragung und Interviews vor Ort. So entstand ein vielschichtiges Bild, in dem Vertreter aller Akteure abgebildet waren. „Zwar kann die Pilotstudie keine repräsentativen Ergebnisse liefern“, betont Bartsch, „sie schafft aber Grundlagen für eine umfassendere Folgestudie.“

Der Bedarf ist groß und Ausbildung dringend notwendig

Die Auswertung der Datenbank zeigte: Im Jahr 2016 gehörten fast 24 Prozent der männlichen Häftlinge in Baden-Württemberg einer muslimischen Glaubensrichtung an; etwa 50 Prozent der Inhaftierten waren Christen. In der Untersuchungshaft für Jugendliche lag der Anteil der Muslime bei 49 Prozent.

Was die Studie auch zutage förderte: Radi - kalisierung wird von allen Beteiligten als Gefahr wahrgenommen; bislang gibt es aber keine Belege, dass sich in den untersuchten Einrichtungen tatsächlich Gefangene radika - lisiert haben. Auch in Bezug auf Essen, Fasten oder die Einrichtung von Gesprächsgruppen speziell für muslimische Gefangene gebe es wenig Probleme und Konflikte, erläutert Bar - bara Bergmann. Die Anstalten seien bereit und in der Lage, Bedürfnisse der muslimi - schen Insassen zu berücksichtigen. Schwie - riger sei die Situation der seelsorgerischen Betreuung. „Der Seelsorger ist im Vollzug ein wichtiger Akteur: zumindest christliche Seelsorger haben eine absolute Schweige - pflicht und auch das Recht zu schweigen. Bei ihnen können sich die Gefangenen alles von der Seele reden“, berichtet Tillmann Bartsch. Für die Gefangenen stehen christliche Seel - sorger fast rund um die Uhr zur Verfügung. Muslimische Seelsorger arbeiten dagegen meist ehrenamtlich und nur wenige Stunden pro Woche. Der Grund: „Professionelle isla - mische Seelsorge gibt es bisher nicht. Viele Imame kommen aus dem Ausland; dort war die Ausbildung bislang rein theologisch aus - gerichtet – psychotherapeutische und psy - chosoziale Aspekte wurden nicht vermittelt“, erläutert Abdelmalek Hibaoui das Dilemma.

Aktuell werden am ZITh die ersten professio - nellen muslimischen Seelsorger auf den Ein - satz in Gefängnissen und Krankenhäusern vorbereitet. Ganz nebenbei diente die Studie so auch der Ausbildung: Zwei Studentinnen und ein Student führten die Interviews mit Gefange - nen und lernten dabei ein mögliches Berufsfeld kennen. Eventuell vorhandene Berührungs - ängste verflogen schnell: „Für die Studierenden war das eine besondere Erfahrung. Die Gefan - genen waren so aufgeschlossen – die waren ganz locker und haben mitgemacht“, berichtet Hibaoui begeistert.

Vor allem aber lieferte die Studie viele neue Fragen – eine Folgestudie ist geplant. Darin wollen die Wissenschaftler die Situation mus - limischer Inhaftierter in mehreren deutschen Bundesländern vergleichen und vor allem die Seelsorge im Jugendstrafvollzug in den Fokus nehmen, mit einem besonders hohen Anteil Muslime. Die Tübinger beackern damit nicht nur ein wissenschaftlich weitgehend unbear - beitetes Feld, sondern auch ein für Politik und Justizverwaltung hochaktuelles Thema. Erst im Juni beschloss die Konferenz der Justizmi - nisterinnen und Justizminister die Einsetzung einer Arbeitsgruppe zu Fragen der muslimi - schen Gefängnisseelsorge.

Der Artikel erschien ursprünglich in der attempto! Ausgabe 45 // Autor: [tbd]