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„Demokratie bekommt man nicht geschenkt“

Juristische Fakultät feiert ihre Absolventinnen und Absolventen des Sommersemesters 2017.

 

Im voll besetzten Festsaal der Neuen Aula fand am 26. Juli 2017 die Examensfeier der Juristischen Fakultät statt. Neben den 147 frisch Examinierten wurden im Rahmen der traditionellen Feier auch die Doktorandinnen und Doktoranden sowie die LL.M.-Absolventinnen und -Absolventen geehrt.

Den Auftakt der Veranstaltung bildete eine musikalische Einleitung durch ein Trio der Tübinger Musikschule: Chiara Holtmann an der Klarinette, Cecilia Kaiser an der Oboe und Desiree Krems am Fagott. Sie spielten aus Wolfgang Amadeus Mozarts Divertimento Nr. 2 das Allegro, das Menuett und das Rondo.

Der amtierende Dekan der Juristischen Fakultät, Prof. Stefan Thomas, beglückwünschte alle – jetzt nicht mehr Studierende, sondern – Rechtsreferendarinnen und -referendare zum Bestehen des Ersten Juristischen Staatsexamens: Alle könnten stolz auf ihre vollbrachten Leistungen sein, zumal es sich beim Juristischen Staatsexamen, das am Ende eines langen und gewiss nicht einfachen Weges steht, um eine der wohl schwierigsten akademischen Prüfungen überhaupt handele. Nun stelle sich, so der Dekan, die Frage, ob in der Retrospektive das juristische Studium ein reiner Gewinn sei. Das könne man sicher nicht einfach so behaupten, vielmehr sei das Studium zuweilen desillusionierend: „Es nimmt einem die anfängliche Illusion, dass, wenn man nur mit genug Überzeugung und Ausdauer für sein Recht kämpft, man schlussendlich auch Recht bekommt“, so Prof. Thomas. Denn in vielen Rechtsstreiten kämpft eine, die unterlegene Partei, stets vergeblich. Ein berufstätiger Jurist könne mithin niemals das Versprechen abgeben, die Wünsche jedes Mandanten vom Ergebnis her auch zu befriedigen.

Zudem führe man diese Rechtsstreitigkeiten nicht in einem gänzlich schlüssigen System, wie man es aus den Naturwissenschaften kennt. Für die Rechtsordnung seien die Faktoren des nicht geschriebenen Rechts genauso wichtig wie die Faktoren des geschriebenen Rechts. Was das Studium jedoch alle Examinierten gelehrt haben dürfte, sei die Erkenntnis, dass man sich am System der Rechtsfortbildung beteiligen könne und auch sollte. So können eigene Vorstellungen in das System eingebracht werden – zum Guten wie auch zum Schlechten.

„Das Recht kann nicht jedem geben, was er will; aber die Rechtswissenschaft kann dafür sorgen, dass sich das Recht niemandem verschließt, der ein Anliegen hat.“ – Thomas

Thomas übergab das Rednerpult dann an Sintje Leßner, die Präsidentin des Landesjustizprüfungsamtes Baden-Württemberg, die die Referendarinnen und Referendare zu ihrer großartigen Leistung beglückwünschte. Während des gesamten Studiums, so Leßner, habe man das Ziel, das Bestehen des Ersten Juristischen Staatsexamens, vor Augen und kämpfe sich diesem mit viel Mühe und Anstrengung immer ein Stück näher – ganz wie bei Großbauprojekten, von denen es dank dem Bau der Rheintalbahn, dem Berliner Flughafen BER und dem Bahnhof Stuttgart 21 derzeit zahlreiche gebe. Dieser Vergleich passe in vielerlei Hinsicht sehr gut: Großbauprojekten und das Staatsexamen hätten die lange Dauer, die hohe fachliche Komplexität und den Bedarf an persönlichen und finanziellen Ressourcen, das erhebliche finanzielle Risiko – mit Hinblick auf die Chancen am Arbeitsmarkt nach dem Abschluss des Studiums – und die Kritik von außen bei Verzögerungen gemein. Ebenso sei mit einem solchen Projekt, was sich vom lateinischen projectum ableitet und so viel wie „nach vorne geworfen“ bedeutet, ein starker Veränderungscharakter verbunden. Einen entscheidenden Vorteil hätten die Referendarinnen und Referendare jedoch gegenüber den genannten Großbauprojekten: sie haben den Abschluss jetzt gemeistert und das Staatsexamen in der Tasche.

„Am Ende zählt das Ergebnis, der erfolgreiche Projektabschluss“ – Leßner

Glückwünsche gälten, so Leßner, zudem auch den Unterstützern, durch die die Absolventinnen und Absolventen erst befähigt wurden, ihr Studium erfolgreich abzuschließen. Nachdem dieses Projekt 1 nun fertiggestellt wurde, stehe Projekt 2 an: der juristische Vorbereitungsdienst. Für diese spannende Zeit im Leben riet Leßner allen, stets offen zu sein und sich auch mal abseits der vorgegebenen Pfade umzusehen, und wünschte den Examinandinnen und Examinanden für ihre Zukunft viel Erfolg.

Auch der in Tübingen promovierte Landespolitiker Dr. Nils Schmid, der sich als Alumnus der Juristischen Fakultät an seine eigene Examensfeier von vor 19 Jahren zurück erinnerte, beglückwünschte die Referendarinnen und Referendare. Alle hätten für sich das Beste herausgeholt und könnten hierauf stolz sein.

Zu Beginn seiner Festrede zum Thema „Demokratie bekommt man nicht geschenkt“ gab er einen Rückblick über die geschichtliche Entwicklung Deutschlands und den langen Weg hin zur heutigen Demokratie. Er betonte, dass die Deutschen die Demokratie keinesfalls von ausländischen Mächten hätten geschenkt bekommen, sondern die Grundlagen für das heutige Verfassungsleben selbst hart erarbeitet und mit langem Atem erstritten und erkämpft hätten. Weil das Grundgesetz zusammen mit den Verfassungen der Länder nach wie vor einen hervorragenden Ruf genieße, legte Schmid den Anwesenden nahe, doch auch als Bürger und nicht nur als Absolventin oder Absolvent eines juristischen Studiums von Zeit zu Zeit einen Blick ins Grundgesetz zu werfen.

Er bemängelte, dass die Berufung auf den Volkswillen gerade Politikern immer recht schnell von der Hand ginge, ohne dass beachtet werde, dass der Volkswille sich auch ändern könne. In Folge dessen sollten auch Plebisziten keine höhere Bedeutung zugemessen werden als anderen Instrumenten der Demokratie wie beispielsweise den Parlamentswahlen.

Anschließend zitierte er eine Umfrage des Forsa-Instituts, wonach die Bevölkerung die Demokratie nur noch mit abnehmender Tendenz als gute Herrschaftsform bezeichne. Mögliche Gründe hierfür sah Schmid im geschwächten Vertrauen in Politiker und die Politik. Die Bevölkerung fühle sich nicht mehr ausreichend repräsentiert, so Schmid. Warnend wies er auch auf die Entwicklung hin, dass die Wahlbeteiligung gerade in unteren Einkommensschichten deutlich abgenommen hat in den vergangenen Jahren.

„Es ist Aufgabe jedes Einzelnen, die Werte hochzuhalten“ –  Schmid

Abschließend appellierte er an die frisch Examinierten, dass gerade sie, aufgrund ihrer Nähe zur Materie als Juristinnen und Juristen, ganz entscheidend mit dafür verantwortlich seien, wie die Demokratie als staatsbürgerlicher Wert weiterhin hochgehalten und vertreten werde.

Auch Fabian Schmitt, der Studiensprecher der Juristischen Fakultät, gratulierte im Namen aller Studierenden zum Bestehen des Examens. Von nun an könnten sich die Examinierten offiziell „Juristinnen und Juristen“ nennen. Zum einen ginge damit einher, dass sie nie wieder eine Klausur im Gutachtenstil schreiben und keine Meinungsstreite in der im Studium geforderten Ausführlichkeit kennen müssten. Darum könne man die Examinierten, gab Schmitt zu, wirklich beneiden. Denn im Zweifel steht den Examinierten nun die Weisheit „ignorantia post examen non nocet“ - Unwissenheit nach dem Examen schadet nicht – zur Seite. Auf der anderen Seite endet mit dem Staatsexamen jedoch auch das Studentenleben: von nun an ist es nicht mehr ganz so leicht, den Alltag ganz nach Belieben selbst einzuteilen.

Nicht nur das Staatsexamen, sondern das gesamte hierauf vorbereitende Studium führe schon früh zu Veränderungen im Charakter und der Persönlichkeit von Studentinnen und Studenten dieses Fachbereiches: so wundere man sich beispielsweise über die ungenaue Sprache von nicht-juristischen Freunden und Verwandten. Aber auch andersherum bemerke man, was man für einen sonderbaren Eindruck bei Nichtjuristen hinterlasse. In diesem Zusammenhang verwies Schmitt auf die Worte des Juristen Klaus Eschen: „Die Juristenausbildung gleicht der Dressur von Zirkusflöhen. Die werden in einer Zigarrenkiste gehalten, auf die man eine Glasscheibe legt. Das wiederholt sich in immer niedrigeren Kisten: hohes Hüpfen wird den Tierchen abgewöhnt. Schließlich kriechen die Flöhe nur noch, auch wenn sie über sich keine Glasscheibe mehr haben. Dieser Effekt ist etwa zum Zeitpunkt des Examens erreicht.“

„Bei der Anwendung von Gesetzen sollten wir nie verlernen, diese zu hinterfragen und uns nicht ausnahmslos der herrschenden Meinung anschließen“ – Schmitt

Er schloss seine Ansprache mit dem Hinweis darauf, dass Jura nicht nur eine Wissenschaft sei, sondern auch eine Herrschaftssprache, mit deren Hilfe man in Europa für Frieden und Wohlstand sorgen kann und wünschte den Examinandinnen und Examinanden mit diesen Worten viel Glück für ihre Zukunft.

Im Anschluss daran wurden zunächst die Preisträgerinnen und Preisträger der Maria-und-Reinhold-Teufel Stiftung aus Tuttlingen für ihre Doktorarbeiten geehrt und anschließend die Urkunden an die LL.M.- Absolventen und schließlich die Examenszeugnisse an zahlreichen Referendarinnen und Referendare übergeben. Nach dem Ende der offiziellen Veranstaltung fand in der Wandelhalle der Neuen Aula noch ein von den Fachschaften der Fakultät organisierter Sektempfang für alle Besucher statt.

Fotos: Hoffmann Fotografie // Text: Pierre Bounin