Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Sektionen

Benutzerspezifische Werkzeuge

Sie sind hier: Startseite / Fakultät / Nachrichten der Fakultät / „LegalTech ist mehr als nur ‚Knöpfe drücken‘“
Fakultät
« Dezember 2017 »
Dezember
MoDiMiDoFrSaSo
123
45678910
11121314151617
18192021222324
25262728293031

„LegalTech ist mehr als nur ‚Knöpfe drücken‘“

Liberale Juristen und Juristische Gesellschaft wagten Ausblick in die Zukunft: „eJustice“ kommt, aber was ist mit der Algorithmenforschung?

 

Die zukunftsträchtige Thematik „LegalTech“ lockte am 28. Juni viele Zuhörerinnen und Zuhörer trotz Sommerwetters in den Großen Senat der Neuen Aula.

Den Auftakt zum Vortragsabend gestalteten Prof. Hermann Reichold und RAin Stefanie Assmann. Nach Grußworten und einer kurzen Vorstellung des Initiators der Veranstaltung, der Vereinigung Liberaler Juristen in Baden-Württemberg e.V., führten sie das altersmäßig bunt gemischte Auditorium an das Thema des Abends heran und warfen Kernfragen auf, die als Leitfaden für die kommenden Stunden dienen sollten.

„Was trägt LegalTech zur juristischen Ausbildung bei?“ - Reichold

Assmann warf die rhetorische Frage in den Saal, warum Recht außen vor bleiben sollte, wo doch die Finanz- und Wirtschaftswelt schon längst digitalisiert worden sei. Sie prognostizierte, dass wohl auf lange Sicht die Maschinen selbst solche Arbeitsplätze, die heute noch qualifizierte Arbeitskräfte erfordern, verdrängen könnten.

Der Vertreter des Justizministeriums, Ministerialdirigent Dr. Andreas Singer – er studierte vor 25 Jahren selbst in Tübingen -, bezeichnete „LegalTech“ als zukunftsträchtige Materie, die sowohl einen großen Markt als auch große Chancen mit sich bringe. Derzeit sei LegalTech in Deutschland jedoch noch weit weniger etabliert, als es etwa in angloamerikanischen Ländern bereits heute der Fall wäre. Aus diesem Grund existiere im deutschen Sprachgebrauch auch noch keine einheitliche Definition für „LegalTech“: Singer stellte klar, dass er darunter insbesondere die Digitalisierung von Arbeitsprozessen durch Software und deren Einsatz im rechtlichen Umfeld verstehe.

Als wichtige Voraussetzung für eine Umstellung, die mehr und mehr LegalTech in den juristischen Alltag einbeziehe, nannte Singer, dass man – anders als Kaiser Wilhelm II. mit seiner Prognose für die Zukunftschancen der Automobilindustrie –  zu aller erst die Veränderung überhaupt erkennen müsse. Im Folgenden skizzierte er die Chronologie der schrittweisen Umstellung auf die Digitalisierung in der deutschen Justiz bis 2028 – dann solle es nur noch elektronische Akten geben. Hervorzuheben sei, dass bereits jetzt Pilotprojekte am Arbeitsgericht Stuttgart und Landgericht Mannheim abliefen, um noch vorhandene Schwachstellen in der „eJustice“ frühzeitig ausmerzen zu können. Laut Singer vereinfacht LegalTech nicht nur die bisherige Arbeit erheblich, sondern durch Teilaspekte wie die elektronische Akte („eAkte“) würden sogar ganz neue Möglichkeiten für die juristische Arbeit geschaffen.

„Die elektronische Akte ist Startpunkt für den Einsatz von Technologien, die mit dem Schlagwort 'LegalTech' betitelt werden.“ - Singer

Anschließend klärte er die Zuhörerinnen und Zuhörer über wichtige juristische und technische Details der Einführung von eJustice in Deutschland auf, wozu insbesondere auch zahlreiche Gesetzesänderungen zählten, die ab 1. Januar 2018 in Kraft treten sollen. Zudem verdeutlichte er, wie viele mögliche Anwendungsfälle sich für Legal Tech bereits jetzt böten, wie beispielsweise die automatisierte Posteingangsverarbeitung, die Vereinfachung der Recherche in umfangreichen Verfahren und deren Assistenz für juristische Entscheidungen. Er schloss seinen Vortrag mit einem Ausblick auf die konkreten Pläne der Justiz in der nahen Zukunft. Bei alledem sei wichtig, dass e-Justice menschliche Fähigkeiten nicht etwa ersetzen, jedoch den menschlichen Entscheidungs-prozess bedeutend erleichtern könne.

Rechtsanwalt Dr. Arnd-Christian Kulow gliederte seinen Vortrag in zwei Teile: die Bestandsaufnahme des Status Quo in Sachen LegalTech und elektronischem Rechtsverkehr („ERV“). Er gab einen Überblick über die aktuellen LegalTech Anbieter in Deutschland und einen Überblick über verschiedene markante Ereignisse in der – noch nicht sehr alten – Geschichte von LegalTech. Anschließend wies er auf die Möglichkeit eines Wahlfachs „Legal Tech“ (früher war das „Rechtsinformatik“) für das Jurastudium hin, was insbesondere an der Bucerius Law School in Hamburg vorangetrieben werde („Wahlfach: Legal Technology“). In 14 Modulen à 1,5 Stunden sollten Python und HTML, die Übersetzung juristischer Probleme in eine Programmiersprache und Grundlagen der Kryptographie gelehrt sowie ein Grundverständnis für die Arbeit mit rationalen Datenbanken geschaffen werden.

Anschließend erläuterte er, wie „XJustiz“ als Standard für eine zukünftige Internationalisierung des ERV fungieren könne anhand einer beispielhaften XML-Datei, wie sie in den nächsten Jahren in Deutschland vielerorts eingesetzt werden wird.

„Universität und Justiz müssen komplementär zusammenwirken“ – Kulow

Universitäten sollten eine vorwiegend wissenschaftlich abstrakte Herangehensweise an die Thematik vermitteln, wohingegen der Vorbereitungsdienst eine rechtspraktisch ausgerichtete Ausbildung vermitteln müsse, so Kulow. Daran anknüpfend forderte der EDV-Spezialist in seiner zweiten These, dass LegalTech insbesondere unmittelbar berufsrelevante Technologien wie das „ZSSR“ oder die „beA“ im Vorbereitungsdienst behandeln sollte. Zudem sollte der „Algorithmus“ in Gestalt von „Rechtsalgorithmik“ zum Gegenstand der Universitätsausbildung werden. Er könne das verbindende Element zwischen Recht und Rechtsdogmatik und Mathematik bzw. Computerwissenschaften sein. Die Rechtswissenschaft solle aktiv Brücken bauen zu den anderen Wissenschaften, wie beispielsweise der Informatik, Mathematik und Philosophie.

Er schloss seinen Vortrag mit einem Zitat des Product Managers des LegalTech-Unternehmens „Legalese“ aus Singapur, der es zu seinem Ziel erklärte, durch LegalTech alle Juristen der Welt arbeitslos zu machen. Das war aber wohl eher eine ironische Pointe.

Im Anschluss an die beiden Vorträge fand eine umfangreiche Podiumsdiskussion mit Zuschauerbeteiligung statt, bei der u.a. der Lehrbeauftragte Dr. Sebastian Brüggemann nochmal betonte, dass LegalTech hinsichtlich seines Einsatzfeldes gerade für standardisierte Verfahren prädestiniert sei. Prof. Hermann Reichold wollte in seinem Diskussionsbeitrag die sicher sinnvolle Unterstützungsfunktion von LegalTech in der elektronischen Justiz – Vereinfachung vieler Geschäftsvorgänge – unterschieden wissen vom ganz anderen Thema der „Algorithmisierung“ der Entscheidungsfindung in Schlichtung, Mediation und richterlichem Urteil. Hier werde es mit großer Sicherheit bei der Letztentscheidung durch den menschlichen Verstand im Wege der Abwägung bleiben. Algorithmisch-maschinell ablaufende Entscheidungsprozesse hätten in der Finanzwelt schon genug Unheil angerichtet, so Reichold.

Beim anschließenden Empfang im Kleinen Senat bot sich für alle Anwesenden die Möglichkeit zum weiteren Austausch zur Thematik des Abends.

 

Text & Fotos: Pierre Bounin