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Bin ich zu Hause noch sicher?

Opfer von Wohnungseinbrüchen leiden unter Ängsten, die Täter werden nur selten verurteilt: Tillmann Bartsch vom Institut für Kriminologie ist an einer Studie beteiligt, die Einbrüche in deutschen Großstädten analysiert und vergleicht.

 

Die eigenen vier Wände sind für viele der wichtigste Rückzugsort. So trifft es Menschen besonders schwer, Opfer eines Wohnungseinbruches zu sein. Den Betroffenen wird nicht nur Eigentum entwendet, sie leiden danach auch unter ernsthaften psychischen Belastungen und Angstzuständen. Auch deshalb wurde 1998 der Strafrahmen für Wohnungseinbrüche heraufgesetzt: Auf solche Taten stehen seitdem bis zu zehn Jahren Gefängnis.

Zwischen 2006 bis 2014 verzeichnete die Polizeiliche Kriminalstatistik einen stetigen Anstieg von Wohnungseinbrüchen um insgesamt 43 Prozent. 2015 stieg die Zahl nach jüngsten Meldungen noch einmal erheblich, um fast zehn Prozent. Diese Entwicklung war für das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen bereits 2012 Anlass, eine groß angelegte Studie über Wohnungseinbrüche in fünf deutschen Großstädten ‒ darunter Stuttgart und München ‒ auf den Weg zu bringen. Denn mit steigenden Zahlen wächst auch das Unsicherheitsgefühl der Menschen, die darauf teilweise sogar mit der Selbstorganisation in privaten Bürgerwehren reagieren. Andere Diebstahlsdelikte, wie der Diebstahl aus Kraftfahrzeugen, sanken wiederum deutlich – zwischen 2006 und 2014 um fast 42 Prozent. Solche Zahlen und ihre Zusammenhänge zu verstehen, gehört zur Forschung von Juniorprofessor Tillmann Bartsch am Institut für Kriminologie der Universität Tübingen.

 

Zehn Prozent ziehen nach einem Einbruch um

In der von ihm mitbegleiteten Studie zu Wohnungseinbrüchen werden unter anderem Häufigkeit und Aufklärung von Einbrüchen untersucht, aber auch die psychischen Folgen für Opfer. Denn neben aufgebrochenen Türen, durchwühlten Schubladen und gestohlenen Laptops bleibt vor allem eines, die Angst. Und die fühlt sich für jeden anders an. So leiden besonders Frauen sowie sehr junge und alte Menschen unter den psychischen Folgen. „Die Frage nach den besonders Betroffenen ist wichtig für die Nachsorge“, erklärt Tillmann Bartsch. „In diesen Fällen müssen sich Polizei und vor allem Opferhilfeorganisationen ganz besonders kümmern.“

90 Prozent der Einbruchsopfer geben psychische Belastungen an. 75 Prozent sind von Gefühlen der Unsicherheit betroffen. Rund die Hälfte fühlt sich nach einem Einbruch macht- und hilflos. Auch Angstgefühle, Schlafstörungen und Gefühle der Erniedrigung gehören zu Folgeerscheinungen. Ein Drittel der Befragten wusch nach der Tat Kleidungsstücke und Bettwäsche und reinigte die Wohnung oder das Haus komplett. Zehn Prozent der Befragten zogen allein wegen des Einbruchs um, weitere 15 Prozent hätten es gerne getan.

Tillmann Bartsch forscht seit dem Sommersemester 2014 am Tübinger Institut für Kriminologie. Als ehemaliger Leiter und jetziger Mitarbeiter der in Hannover initiierten Studie begründete er eine projektbezogene Kooperation mit dem Tübinger Institut für Kriminologie. Es fasziniert ihn, kriminalstatistische Daten ‒ wie die Häufigkeiten bestimmter Straftaten ‒ auszuwerten, aber auch, kriminalpolitische und kriminalistische Grundannahmen auf ihren Wirklichkeitsgehalt zu überprüfen. „Mich interessiert immer die Frage: ist das wirklich so?“

 

Das Gerücht von den osteuropäischen Banden

So herrsche im Fall der Wohnungseinbrüche die These vor, in letzter Zeit gingen besonders osteuropäische Banden auf Beutezug, sagt Bartsch. Doch stützen die Ergebnisse der Studie diese Annahme nicht. Denn leider sind Wohnungseinbrüche ein Delikt mit weit unterdurchschnittlicher Aufklärungsquote. Diese liegt bei rund 16 Prozent, die Verurteilungsquote sogar nur bei 2,6 Prozent ‒ und dies annähernd vergleichbar in allen untersuchten Großstädten. Oft reichten die von der Polizei vorgelegten Beweise der Staatsanwaltschaft nicht für eine Anklage aus, erklärt der Kriminologe. Über die Täter ließen sich deshalb kaum zuverlässige Aussagen treffen. Die Angabe der polizeilichen Aufklärungsquote sei hier angesichts vieler Fälle, die sich vor Gericht schließlich doch nicht als hinreichend geklärt erwiesen, irreführend. Was aber nicht an der Polizeiarbeit liege: „Bei Wohnungseinbrüchen handelt es sich eben um ein kontaktarmes Delikt, der Einbrecher will ja nicht gesehen werden.“ Zudem gebe es oft wenig brauchbare Spuren. Am häufigsten komme es zu Verurteilungen, wenn Täter beobachtet oder auf frischer Tat ertappt würden. Wohnungseinbruchkriminalität sei vor allem durch Prävention zu bekämpfen. „Wenn Wohnungen besser gesichert sind, bleiben Einbrüche häufig bereits im Versuch stecken. Im Jahr 2014 war dies immerhin bei 40 Prozent aller registrierten Einbrüche der Fall.“

Dass die Frage nach den Tätern in der Studie fast unbeantwortet bleibt, bleibt für die Forschung ein schwer zu lösendes Problem. „Bei bisherigen Studien sind Wissenschaftler in den Strafvollzug gegangen und haben Täter interviewt“, beschreibt Bartsch einen möglichen Ansatz. „Aber man muss sich darüber im Klaren sein, dass wir dort eine stark vorselektierte Gruppe vorfinden, eben die Wenigen, die erwischt und verurteilt wurden.“

 

Anonymität macht Einbrüche leichter

Gründe für die steigenden Einbruchszahlen kann er dennoch benennen. Durch Verstädterungsprozesse, Anonymisierung und mehr Einzelhaushalte seien Wohnungen im Allgemeinen schlechter bewacht – die soziale Kontrolle gehe immer mehr verloren. „In der Stadt achten Nachbarn häufig weniger aufeinander als auf dem Land.“ Hinzu komme, dass Geräte wie Smartphones und Computerzubehör leichter zu entwenden sind als noch vor 20 Jahren der Röhrenfernseher. Tatsächlich lassen Einbrecher gerne Smartphones, Laptops, Spielekonsolen, EDV-Zubehör und sonstige elektronische Kleingeräte mitgehen. Autos werden dank Alarmanlagen und videoüberwachten Standorten hingegen als Einbruchsobjekte immer uninteressanter. „Möglicherweise können wir hier eine Verlagerung der Diebstahlskriminalität beobachten“, sagt Bartsch. 500 Strafverfahrensakten pro Stadt haben die Wissenschaftler gesichtet, knapp 1400 Betroffene aus Wohnungseinbrüchen befragt. Nun werden Experten-Interviews geführt: Die Forscher besprechen die Ergebnisse mit Praktikern aus Justiz und Polizei, um die Alltagsrealität besser zu verstehen. „Als Wissenschaftler sitzt man am Schreibtisch und hat nicht immer hinreichend Einblick in die Abläufe bei Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichten“, erklärt Bartsch. So wolle man konkrete Erklärungen dafür finden, warum Beweise für die Staatsanwaltschaft oft weder für eine Anklage noch für eine Verurteilung ausreichten. „Ohne Rückkopplung mit der Praxis würden solche Erklärungen in den Bereich der Spekulationen abdriften.“ Auch wenn Tillmann Bartsch sich hauptberuflich mit Kriminalität beschäftigt, hat sich seine Weltsicht nicht negativ verändert, wie er sagt. „Ich habe keine große Furcht vor Verbrechen. Natürlich werden immer wieder Menschen in Deutschland Opfer von Straftaten. Mir ist aber auch bewusst, dass insbesondere schwere Kriminalität – zum Glück – der absolute Ausnahmefall ist.“ Auf dem Schreibtisch des Kriminologen warten schon weitere Straftaten: In seinem Habilitationsvorhaben zu Sport in Strafrecht und Strafverfahren beschäftigt er sich u.a. mit dem Thema Doping, dessen Strafbarkeit sowie Spielmanipulationen. Denn auch der Sport ist vor Verbrechen nicht gefeit.

INFOKASTEN

Das Institut für Kriminologie wurde 1962 als erstes deutsches kriminologisches Universitätsinstitut in Tübingen gegründet und wird seit 2011 von Prof. Dr. Jörg Kinzig geleitet. Entsprechend der in Deutschland traditionellen Verbindung mit der Rechtswissenschaft gehört es organisatorisch zur Juristischen Fakultät. Die so genannte „Lehre vom Verbrechen“ befasst sich u.a. damit, wie es zu Kriminalität kommt, wie sie verhindert werden kann, wie der Staat darauf reagieren soll und welche Folgen Straftaten für die Opfer haben.

Die Forschung ist interdisziplinär ausgerichtet und verbindet unter anderem Rechtswissenschaft, Psychologie, Soziologie und Sozialpädagogik. Aktuelle Forschungsschwerpunkte des Tübinger Instituts sind u.a. Sanktions- und Strafverfahrensforschung, Gewaltkriminalität, Sexualdelinquenz, Jugendkriminologie und Kriminalitätsfurcht.

Aktuell startete im Februar 2016 am Kriminologischen Institut die neue Pilotstudie „Muslime im baden-württembergischen Justizvollzug“, die im Rahmen der Exzellenzinitiative gefördert wird. Sie untersucht, wie Muslime im Gefängnis ihre Religion ausüben können und inwiefern sich dort Radikalisierungsprozesse beobachten lassen.

Die Studie „Wohnungseinbruchdiebstahl“ wird von 2012 bis Mitte 2016 vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. durchgeführt, einem unabhängigem Institut, das eng mit der Universität Göttingen zusammenarbeitet. Juniorprofessor Tillmann Bartsch war bis zu seiner Berufung an die Universität Tübingen 2014 Projektleiter. Als jetziger Mitarbeiter begründete er die Kooperation mit dem Tübinger Institut für Kriminologie. Die Städte Bremerhaven, Berlin, Hannover, Stuttgart und München sind Teil der groß angelegten Untersuchung. Die Ergebnisse und Erklärungen für regionale Divergenzen wurden gerade veröffentlicht und können unter http://kfn.de/Publikationen/ abgerufen werden.

 

Text und Foto: Mira Kessler
Bericht erschienen im aktuellen Heft der "attempto!"