Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Sektionen

Benutzerspezifische Werkzeuge

Sie sind hier: Startseite / Fakultät / Nachrichten der Fakultät / Das Leben ist nicht schwarz oder weiß
Fakultät
« Oktober 2017 »
Oktober
MoDiMiDoFrSaSo
1
2345678
9101112131415
16171819202122
23242526272829
3031

Das Leben ist nicht schwarz oder weiß

Examensfeier der Juristischen Fakultät am Ende des Wintersemesters 2016/17

Am 8. Februar 2017 fand im voll besetzten Festsaal der Neuen Aula die traditionelle Examensfeier der Juristischen Fakultät statt. Dabei wurden nicht nur den zahlreichen Absolventinnen und Absolventen der vergangenen Examenskampagne ihre Zeugnisse übergeben, sondern auch die silbernen und goldenen Promotionsjubilare geehrt.

Den musikalischen Auftakt zu den Feierlichkeiten gestalteten Viola Brück und Antonia Pfirrmann von der Tübinger Musikschule. Gespielt wurde ein „Duo für zwei Klarinetten“ von Carl Philipp Emanuel Bach und die „Sonata for two Clarinets“ von Francis Poulenc.

Anschließend begrüßte Prof. Stefan Thomas, der seit Oktober 2016 das Amt des Dekans der Fakultät bekleidet, alle Anwesenden und beglückwünschte die Studierenden zum bestandenen Ersten Staatsexamen. Alle Examinandinnen und Examinanden könnten stolz auf sich sein, eine der schwersten Studienprüfungen erfolgreich gemeistert zu haben, so Thomas. Mit der Zeugnisübergabe endet für die Studierenden ein Lebensabschnitt; die Erfahrungen der letzten Jahre würden sie jedoch ein Leben lang begleiten.

„Hören sie nie auf, Fragen zu stellen“ - Thomas

Der Dekan ermutigte die Examinandinnen und Examinanden, erst Ruhe zu geben, wenn sie von einem Argument wirklich überzeugt seien. Schließlich bestehe das Leben nicht aus fünfstündigen Klausuren. Und eine Antwort ist nur richtig, solange alle glauben, dass sie es ist. Thomas schloss sich den Worten Churchills – „The short words are best, and the old words are the best of all“ – an und schloss seine Rede mit den Worten, die Examinierten mögen das Beste aus ihrem Examen machen, zuvor jedoch erst einmal schön feiern.

Auch Christine Jacobi vom Landesjustizprüfungsamt gratulierte den Examinandinnen und Examinanden ganz herzlich. Jeder dürfe sich ganz unabhängig von der erzielten Examensnote feiern und feiern lassen. Sie betonte, dass die Glückwünsche aber nicht nur den Examinierten selbst gelten, sondern auch allen, die diese während des Studiums und insbesondere in der Vorbereitungsphase auf das 1. Staatsexamen unterstützt haben. Dazu zählen insbesondere die Hochschullehrerinnen und -lehrer, die durch ihre Lehre das Absolvieren der Prüfung ermöglicht haben, ebenso wie die Freunde und Familie, die wertvolle psychische Unterstützung in dieser anstrengenden Zeit geboten haben. Besonderer Dank gelte auch denjenigen, die bei den mündlichen Prüfungen des Staatsexamens mitgewirkt haben, so Jacobi.

Bei der Vorbereitung auf die Prüfung, deren Schwierigkeit oft nicht nur von Außenstehenden, sondern sogar von den Studierenden selbst verkannt wird, hätten diese viel für ihr späteres Berufsleben gelernt. Sowohl im Berufsleben als auch im Alltag würden sich den Examinierten in Zukunft viele Gelegenheiten bieten, das Gelernte auf das tatsächliche Leben anzuwenden - was das juristische Studium lehrt, sei nämlich keineswegs lebensfern und ausschließlich abstrakt, was Jacobi an Fallbeispielen aus den aktuellen Examensklausuren allen Anwesenden zu veranschaulichen wusste.

„Man muss sich immer bewusst sein, dass die Dinge nie nur schwarz oder weiß sind“ – Jacobi

Im anschließenden Festvortrag referierte Prof. Graf Vitzthum zum Thema „Recht in Russland“. Er begann seinen Vortrag mit den Worten Hölderlins: „Das Eigene muss so gut gelernt sein wie das Fremde“. Die Examinierten hätten die vergangenen Jahre mit dem Studium des eigenen Rechts verbracht und die Promotionsjubilare verfügten bereits über jahrzehntelange Erfahrung mit dem deutschen Recht. Durch seinen Vortrag beabsichtigte Vitzthum, diese bereits vorhandenen Kenntnisse nun um „Fremdes“, namentlich die verfassungsrechtliche Situation Russlands, zu erweitern. Im Zuge der Analyse des russischen Rechts stelle sich die Leitfrage, ob „das Riesenreich im Osten Europas […] mit seiner autoritären Herrschaftspraxis“ ganz eigene Züge aufweist oder als Teil Europas zu dessen demokratisch-rechtsstaatlicher Ordnung gehört. Antworten auf diese Frage finde man zum einen in den Grundzügen des Verfassungsrechts Russlands und zum anderen in der Orthodoxie und Autokratie, die die wichtigsten Einflussfaktoren auf Russlands nationales Recht darstellten.

Zunächst erklärte der Festredner die Grundlagen der Staatsorganisation Russlands. Er erläuterte anhand vieler konkreter Beispiele, dass das Verfassungsrecht und die autoritäre Verfassungsrealität in Russland leider weit auseinanderklafften und den Normen nur ein schwacher Steuerungseffekt zukomme. Dies stützte Vitzthum, der selbst im Sommer 1993 zum ersten Mal im Auftrag des Europarats mit der russischen Realität konfrontiert worden war, im Wesentlichen auf zwei Punkte: In Russland fehle es zum einen an einer effektiven Beschränkung der Macht, zum anderen an der Gewährleistung eines freien politischen Lebens.

„Grundrechte werden nur selektiv geschützt, zunehmend auch ohne den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit zureichend zu beachten, Individualbeschwerden kann das Verfassungsgericht ohnehin nur stark eingeschränkt überprüfen.“ – Vitzthum

Insgesamt könne man folglich mit den Worten Nußbergers von einem „Rechtsstaat à la russe“ sprechen, so Vitzthum. Anhand der Grundsätze russischer Orthodoxie erläuterte der Festredner anschließend, warum staatliches Handeln in der Geschichte Russlands nur selten von Recht geleitet war und das „law in the books“ und die russische Rechtswirklichkeit schon immer auseinanderfielen.

„Das Verfassungsrecht dient de facto überwiegend zur Unterstützung der Machtausübung der Herrschenden, nicht zu ihrer Einschränkung.“ – Vitzthum

Vitzthum resümierte, dass sich das „Erlernen des Fremden“ immer auch als Rendezvous mit dem Eigenen erweist. Wir alle müssen deshalb lernen, das Fremde aus sich heraus zu verstehen. Die Examinierten hätten in Ihrer Studienzeit den „freien Gebrauch des Eigenen“ (Hölderlin) erlernt. Zu diesem Eigenen gehört auch der demokratische Rechtsstaat, dessen Zukunft in unser aller Hand liegt.

Auch der Studierendensprecher Fabian Schmitt reihte sich in die Reihe der Gratulanten ein und beglückwünschte die Examinierten. Diese könnten sich nun offiziell „Juristinnen und Juristen“ nennen. Dass die Examinierten ihr Studium nun erfolgreich abgeschlossen haben, stimme viele der Studierenden aus jüngeren Semestern neidisch, gab Schmitt offen zu. Denn außer der Praxisnähe, die Jacobi zuvor beschrieben hatte, behandele das Studium der Rechtswissenschaften doch auch abstrakte und komplexe Themen, deren Relevanz sich den Studierenden nicht immer auf den ersten Blick erschließe. Insofern seien die Examinierten nun gemäß der Redewendung „ignorantia post examen non nocet“ eindeutig im Vorteil. Gleichzeitig war sich Schmitt jedoch auch sicher, dass die Examinierten die Universität neben dem lachenden auch mit einem weinenden Auge verlassen würden, weil die Studienzeit und das damit einhergehende Studentenleben gerade ex post einen tollen Lebensabschnitt darstellten. Dabei unterscheide sich Jura von anderen Studiengängen, so Schmitt. Schon früh erlebten Jurastudenten, dass das Studium zu einer Verwandlung der eigenen Person führe; diese machten sich dann schnell beispielsweise durch Sprachunterschiede zu Studierenden anderer Studiengänge, die man z.B. auf Partys oder in der Bibliothek trifft, bemerkbar.

„Aber auch Juristen können sehr angenehme Personen sein.“ – Schmitt

Er betonte abschließend, dass Jura nicht nur eine Wissenschaft sei, sondern auch eine Herrschaftssprache, mithilfe derer für Frieden und Wohlstand in Europa gesorgt werden könne.

Es folgte die Übergabe der Urkunden und Zeugnisse an die anwesenden Promotionsjubilare und die zahlreichen Examinandinnen und Examinanden. Im Anschluss konnten alle Geehrten und Gäste bei einem Stehempfang in der Wandelhalle der Neuen Aula auf gemeisterte Prüfungen und langjährige Freundschaften anstoßen. Wer wollte, konnte auch noch zum von der Fachschaft organisierten Examensball weiterziehen, um den Erfolg gebührend zu feiern.

Das Dekanat der Juristischen Fakultät dankt den Fachschaften für die Bewirtung im Anschluss an die Examensfeier sowie dem Anwaltsverein Tübingen e.V. für seine Unterstützung.

Fotos: Hoffmann Fotografie / Text: Pierre Bounin