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Juristische Gesellschaft Tübingen e.V.

Verurteilte Sexualstraftäterinnen – eine empirische Analyse

Im Gespräch mit Dr. Ulrike Hunger, promoviert von Prof. Jörg Kinzig

Ulrike Hunger erforschte erstmals die Sexualkriminalität von Frauen. In einer am Institut für Kriminologie (IFK) der Universität Tübingen entstandenen Untersuchung (Ulrike Hunger, Verurteilte Sexualstraftäterinnen – eine empirische Analyse sexueller Missbrauchs- und Gewaltdelikte, Duncker & Humblot, Berlin 2019) hat sie Strafakten von 104 Täterinnen und 98 Tätern analysiert, die aufgrund eines sexuellen Missbrauchs- oder Gewaltdelikts verurteilt wurden. Die forschungsleitenden Fragen waren, wodurch sich die gerichtlich verurteilten sexuellen Missbrauchs- und sexuellen Gewalttäterinnen, die Opfer, die Taten und die justizielle Verarbeitung auszeichnen sowie welche Merkmale frauentypisch sind.

Redaktion: Sie haben erstmals die Sexualkriminalität von Frauen untersucht und damit den Anstoß für eine neue Sicht auf diese selten thematisierte Frage gegeben. Seit dem breit kommunizierten „Staufener Missbrauchsfall“, wo die Täterin zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe verurteilt wurde, gibt es dafür auch eine sensiblere Öffentlichkeit. Wie lange hat Sie dieses besondere Projekt eigentlich beschäftigt?

Hunger: Insgesamt hat mich dieses Projekt fünf Jahre beschäftigt. Dabei gab es verschiedene Phasen, wie z.B. die Recherche des nationalen aber auch internationalen Forschungsstandes, die Erstellung des Erhebungsinstrumentes, die Aktenbeschaffung, das Erfassen der Akten und letztlich die Analyse der Daten. Um an die Akten zu gelangen, mussten bei den baden-württembergischen und bayerischen Staatsanwaltschaften 55 Anträge gestellt werden, wobei vom ersten Antrag bis zum Eingang der letzten Akte 16 Monate vergingen. Die Aktenbeschaffung selber war auch nicht einfach, da verschiedene Wege ausprobiert werden mussten, wie man an die betreffenden Strafakten herankommen kann und ein großer Aufwand in Form von Briefen, E-Mails und Telefonaten mit den Staatsanwaltschaften erforderlich war. Die Durchsicht der Strafprozessakten nahm wiederum fast ein Jahr in Anspruch. Die zweijährige Förderung meines Promotionsprojekts durch die Universität nach dem Landesgraduiertenförderungsgesetz war mir dabei eine große Hilfe, da ich mich dadurch in dieser Zeit ausschließlich auf mein Projekt konzentrieren konnte.

Redaktion: Welche signifikanten Unterschiede zum Täterhandeln der männlichen Sexualverbrecher konnten Sie bei den weiblichen Delinquenten feststellen?

Hunger: Die Hauptfrage, was ein "frauentypisches" deliktisches Handeln ausmache, konnte dahingehend beantwortet werden, dass beim sexuellen Missbrauch knapp zwei Drittel der Taten unter der Beteiligung einer weiteren Person begangen wurden. Dabei handelte es sich fast ausschließlich um Übergriffe mit einem männlichen Mittäter, meist dem Beziehungspartner. Er bestimmte das Tatgeschehen. Daher wurde ca. die Hälfte der Taten ohne Körperkontakt zwischen der Frau und dem hauptsächlich kindlichen Opfer ausgeführt. Die frauentypischen Tathandlungen bestanden vor allem im Auffordern zu sexuellen Handlungen, dem Nichtstun - welches als Beihilfe oder Unterlassen strafbar ist - und dem Geschlechtsverkehr vor dem Opfer.  Bei der Gruppe der sexuellen Gewaltdelikte war charakteristisch, dass fast alle Taten mit einer weiteren Person ausgeführt wurden, wobei bei ca. der Hälfte der Übergriffe zwei oder mehr Personen neben der Täterin beteiligt waren und damit bei einem hohen Anteil der Taten "Gruppenvergewaltigungen" vorlagen. Beteiligt waren männliche aber auch weibliche Mittäter. Charakteristische Tathandlungen waren das Zuschauen und Anwesendsein bei sexuellen Handlungen sowie das Bestimmen zu solchen.

Redaktion: Welche praktischen Konsequenzen lassen sich Ihrer Dissertation entnehmen?

Hunger: An dieser Studie liegt zum ersten Mal der Fokus auf der kleinen Gruppe der verurteilten Sexualstraftäterinnen, die sich durch ganz eigene Täter-, Opfer- und Tatmerkmale auszeichnen.  Aus den gewonnenen Erkenntnissen lassen sich Anknüpfungspunkte für die Prävention, den behördlichen Umgang mit Sexualtäterinnen sowie deren Therapie ableiten, so z. B., indem die Öffentlichkeit auf die Existenz sexueller Missbrauchs- und Gewalttäterinnen aufmerksam gemacht und dadurch ein Bewusstsein für diese Thematik geschaffen wird. Des Weiteren kann die Polizei für ihre Ermittlungstätigkeit sensibilisiert werden. Ebenfalls könnten Therapeuten individuelle Therapiekonzepte entwerfen.

Die Fragen stellte Prof. Hermann Reichold