Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Sektionen

Benutzerspezifische Werkzeuge

Sie sind hier: Startseite / Einrichtungen / Institut für Kriminologie / Kriminologisch-Kriminalpolitischer Arbeitskreis / Berichte / Das gute Deutschland und die böse Mafia – ein halbes Jahrhundert friedliches Miteinander?
Institut für Kriminologie

Das gute Deutschland und die böse Mafia – ein halbes Jahrhundert friedliches Miteinander?


In den Abendstunden des 18.06.2018 versammelten sich mehr als 100 Interessierte, um dem Vortrag des deutsch-italienischen Journalisten Sandro Mattioli beizuwohnen, der seit langem über die italienische Mafia recherchiert und berichtet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In Deutschland, so Mattioli, gebe es Mafia-Gruppierungen verschiedenster Nationalitäten. Die von Mattioli vor allem thematisierte italienische Mafia gliedere sich in die kalabrische ‘ndrangheta, die neapolitanische Camorra, die sizilianische Cosa Nostra sowie die apulische Sacra Corona Unita. Diese hätten sich als Nebeneffekt des Wirtschaftswunders und des damit verbundenen Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und Italien ab dem Jahre 1955 und in einer zweiten Welle mit der deutschen Wiedervereinigung ab 1990 in Deutschland angesiedelt. Die einzelnen Clans verteilten sich über ganz Deutschland hinweg. Mafiös „kontaminierte“ Strukturen fänden sich nicht nur in Frankfurt, Stuttgart oder dem Ruhrgebiet, sondern auch in ländlichen Gebieten sowie im Osten der Republik (beispielsweise in Dresden, Erfurt und Rostock). Zwischen den Clans bestünden – auch in das Ursprungsland Italien – zahlreiche Querverbindungen.

 

 

Der Vortragende führte offizielle Zahlen der Bundesregierung an, wonach sich im Jahr 2018 590 Mafiosi in Deutschland befunden haben sollen. Diese Zahlen hält Mattioli jedoch für weit unterschätzt. Er belegte dies mit einer Information, wonach allein 60 deutsche locale der ‘ndrangheta-Gruppierung bestehen sollen, die – rituellen Anforderungen entsprechend – mindestens 49 Mitglieder zählen müssen. Dies zugrunde gelegt, müssten also insgesamt allein mehr als 2940 ‘ndranghetisti in Deutschland leben.

Zu deren Tätigkeiten zählten unter anderem „mafia-typische“ Delikte, wie zum Beispiel Drogenhandel oder Geldwäsche. Jedoch ließen sich mafiöse Strukturen auch in nicht-kriminellen Bereichen wie in der Baufinanzierung oder im Bankensegment finden.

Ein Problem, das die Erforschung mafiöser Gruppierungen, hier am Beispiel der ‘ndrangheta, erschwere, sei deren komplexe organisatorische Struktur. Diese lasse sich anhand zweier Pyramiden beschreiben, welche einerseits sichtbare ‘ndranghetisti, die mitunter auch strafrechtlich belangt würden, andererseits aber auch unsichtbare ‘ndranghetisti, wie beispielsweise Politiker, Beamte oder Richter umfassten. Sogar innerhalb des eigenen Clans wüssten nur wenige Personen um die Zugehörigkeit anderer, insbesondere der unsichtbaren Mitglieder.

Mattioli beleuchtete in seinem Vortrag mehrere Ursachen, die Deutschland für die Mafia attraktiv machten. Zum einen nannte er rechtliche Mängel. So bestehe zum Beispiel keine prozessuale Beweislastumkehr im Rahmen der Abschöpfung illegaler Gewinne. Zudem fehlten auch im Finanzwesen Transparenz und Kontrolle. Ein großes Problem sieht Mattioli auch im mangelnden Bewusstsein für die Gefährlichkeit der Mafia. Sie werde stereotypisiert und verharmlost, was möglicherweise daran liege, dass Deutschland, anders als in Italien, nicht mit einer „blutigen Vergangenheit“ der Mafia konfrontiert sei. Auch das Ausmaß des Drogenhandels, bei dem häufig Verbindungen zur Mafia bestünden, hält er aufgrund von Abwasseruntersuchungen in deutschen Städten für unterschätzt.

Seine Ansichten illustrierte der Vortragende eindrucksvoll mit realen Fallbeispielen aus Recherchen der vergangenen Jahre.

Ausblickend warf Mattioli die Frage auf, ob der Staat dazulerne und versuche, diese Probleme zu lösen. Bereits im ersten periodischen Sicherheitsbericht aus dem Jahre 2001 seien zwar vielversprechende Ansätze vorgestellt, diese bisher jedoch noch nicht umgesetzt worden. Derzeit legten die Ermittlungsbehörden zudem ihr Hauptaugenmerk mehr auf die Bekämpfung von Terrorismus denn auf die der Organisierten Kriminalität.

Mattioli schloss seinen Vortrag mit einem Hinweis auf seine Tätigkeit als Vorsitzender des Vereins „Mafia? Nein, Danke!“. Dieser wurde im Jahr 2007 als Reaktion auf das Blutbad von Duisburg gegründet und sensibilisiert durch Podiumsdiskussionen, Vorträge und Lesungen für die Gefahren durch die Mafia in Deutschland.

Im Anschluss an seinen Vortrag stellte sich Mattioli zahlreichen Fragen des Publikums.

 

 

Newsletter Uni Tübingen aktuell Nr. 2/2018: Alumni Tübingen Der Mafia auf der Spur